"Violette": Der Rausch bleibt aus

Berlin - Martin Provost kann in seiner Filmbiografie die Lebensgeschichte der französischen Schriftstellerin Violette Leduc nicht ausschöpfen.

Das Thema könnte besser nicht sein. Zumindest für einen Autorenfilm. Violette Leduc (1907–1972) war eine außergewöhnliche Frau. Gerade in einer Zeit wie heute, in der das Bohémien-Leben nahezu ausgestorben scheint und die Menschen funktionieren wie die Rollen in einem Flaschenzug, muss das Leben der französischen Schriftstellerin wirken wie der Ausbruch einer Verrückten. Das war es freilich nicht. Dennoch liefert Leducs Biografie eine Steilvorlage für Dramatik außergewöhnlicher Art. Die Künstlerin war aufbrausend, sensibel, libidinös, sperrig und besaß ein ungewöhnliches Äußeres.

Zumindest Letzteres greift Martin Provost in seinem über zwei Stunden langen Filmporträt in vielen Bildern auf. Seine Hauptdarstellerin Emmanuelle Devos hat große Augen, eine große Nase und einen großen Mund. Ganz nah fährt die Kamera an ihr Gesicht. Allein durch ihr Mienenspiel gelingt es Devos, das Gesicht eines trotzigen Kindes herauszuarbeiten. Eines Kindes, das immer geliebt werden will – und selten wird. Mit minimalen Mitteln verleiht sie der Protagonistin ein Wesen, das wir so gar nicht aus dem Kino kennen. Eine Kindfrau ohne Lolitasyndrom. Eine Intellektuelle mit deftigen sexuellen Bedürfnissen und dem derben Stolz eines Fabrikarbeiters.

Oscars: Die besten Hauptdarstellerinnen seit 2000

Oscar Hauptdarstellerinnen
Ihren ersten Oscar als beste Hauptdarstellerin bekam Hillary Swank im Jahr 2000 für ihre Rolle als Transsexueller in "Boys Don’t Cry". © dpa
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Basierend auf einer wahren Begebenheit verkörpert Julia Roberts im gleichnamigen Film die taffe Umweltaktivistin Erin Brockovich und wurde dafür im Jahr 2001 mit einem Oscar belohnt. © dpa
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Als erste afro-amerikanische Schauspielerin bekam Halle Berry 2002 als beste Hauptdarstellerin im Drama "Monster's Ball" einen Oscar. © dpa
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Im Jahr 2003 durfte sich Nicole Kidman über die begehrte Trophäe freuen. Als Virginia Woolf in der Literaturverfilmung "The Hours" überzeugte sie die Academy-Jury. © dpa
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Als Mörderin Aileen Wuornos in "Monster" erkennt man Charlize Theron kaum wieder. Ihre schaupielerische Ausnahmeleistung wurde im Jahr 2004 mit einem Oscar belohnt. © dpa
Fünf Jahre nach ihrem ersten Oscar durfte sich Hillary Swank über die zweite Auszeichnung als beste Hauptdarstellerin freuen, diesmal für ihre Rolle im Boxdrama "Million Dollar Baby". © dpa
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In der Filmbiografie um Johnny Cash, "Walk the Line", spielt Reese Witherspoon die Country-Sängerin June Carter. Für diese Rolle bekommt sie im Jahr 2006 einen Oscar. © dpa
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Für ihre Rolle als Königin Elisabeth II. in "Die Queen" wurde Helen Mirren 2007 als beste Hauptdarstellerin geehrt. © dpa
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Das französische Drama "La vie en rose" brachte Hauptdarstellerin Marion Cotillard im Jahr 2008 einen Oscar ein. © dpa
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Nach zahlreichen Nominierungen bekam Kate Winslet 2009 endlich einen Oscar für ihre Rolle in der Literaturverfilmung "Der Vorleser". © dpa
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Für die Hauptrolle im Drama "The Blind Sight" heimste Sandra Bullock im Jahr 2010 einen Oscar ein. © dpa
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Im Psychothriller "Black Swan" brilliert Natalie Portman als Primaballerina, die die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verliert. Der Oscar im Jahr 2011 war der verdiente Lohn. © dpa
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Nachdem sie bereits 1980 für ihre Nebenrolle in "Kramer gegen Kramer" und 1983 als beste Hauptdarstellerin (Sophies Entscheidung) geehrt wurde, bekam Meryl Streep 2012 ihren dritten Oscar. Als Premierministerin Margaret Thatcher, die "Eiserne Lady", überzeugte sie die Jury der Academy. © dpa
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2013 durfte sich Jennifer Lawrence über die begehrte Trophäe freuen. An der Seite von Bradley Cooper spielt sie die emotional instabile Tiffany in der Tragikkomödie "Silver Linings". © dpa

Leider hat sich das Potenzial des Films hiermit erschöpft. Die Lebensgeschichte selbst schildert der Regisseur in einem solchen Schneckentempo, dass man trotz der guten Darsteller irgendwann genug hat. Dabei wäre es so einfach gewesen, den Zuschauer mit Violette in einen regelrechten Rausch hineinzustürzen. Ihre Gelüste gegenüber Männern und Frauen. Ihre rebellische Jugend. Ihre miese Ehe und das spannungsvolle Verhältnis zu Simone de Beauvoir, die Sandrine Kiberlain als wunderbar kontrollierten Gegensatz zur unaufgeräumten Hauptfigur anlegt. Die Armut, das Aufbegehren und schließlich der literarische Durchbruch als Göttin einer aufmüpfig-kämpferischen Frauenliteratur. Freilich greift die Handlung all diese Themen auf und gießt sie in teils entzückende Bilder. Doch die Zeit, die sich „Violette“ nimmt, ist dem rasenden Thema nicht angemessen. Und so wird aus einer Geschichte voller Leidenschaft schließlich ein ermüdendes Drama.

Katrin Hildebrand

Rubriklistenbild: © Michael Crotto/TS Productions/Kool Filmdistribution

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