„Entgleist! – Jugendliche im Ausnahmezustand“ (Vox)

„Entgleist! – Jugendliche im Ausnahmezustand“ (Vox): Von der Ausgrenzung in die Abhängigkeit

Die Vox-Dokumentation „Entgleist - Jugendliche im Ausnahmezustand“ ist ein Themenabend über psychisch erkrankte und verhaltensauffällige Kinder
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Die Vox-Dokumentation „Entgleist - Jugendliche im Ausnahmezustand“ ist ein Themenabend über psychisch erkrankte und verhaltensauffällige Kinder

Von den Ansprüchen der Leistungsgesellschaft überfordert: Vox zeigt einen Themenabend über psychische erkrankte und verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche.

  • Vox-Dokumentation „Entgleist - Jugendliche im Ausnahmezustand“ begleitet Jugendliche über Jahre hinweg
  • Junge Menschen befinden sich in Krisensituationen - es droht beispielsweise Jugendhaft

Eine einschließlich Werbeunterbrechungen knapp viereinhalbstündige Dokumentation am Samstagabend – das klingt nach einem ambitionierten Vorhaben. Der RTL-Ableger Vox verfolgt diese Programmpolitik schon seit mehreren Jahren, je nach Thema, das Spektrum reicht von Boulevard bis zur historischen Aufarbeitung, recht erfolgreich. Das Format funktioniert nicht zuletzt deshalb, weil jederzeit ein Einstieg möglich ist. Die Dramaturgie ist episodisch angelegt, für das Verständnis wichtige Fakten werden regelmäßig wiederholt. Im aktuellen Beispiel „Entgleist – Jugendliche im Ausnahmezustand“ sind es jeweils die Vorgeschichten der Protagonisten. Die Autoren Amai Haukamp und Steffen Weber von Spiegel TV haben neun Jugendliche teilweise über zwölf Jahre hinweg begleitet und Lebensmomente festgehalten.

Vox-Doku „Entgleist - Jugendliche im Ausnahmezustand“: Drill statt Drogen

Die jungen Menschen befinden sich in Krisensituationen oder an einer Station, die Einfluss auf ihre Zukunft nehmen kann. Dem achtzehnjährigen Mirko beispielsweise drohen zwei Jahre Jugendhaft. Er war drogenkrank und rutschte in die Beschaffungskriminalität. In einem sportorientierten Erziehungscamp soll er sich wieder fangen, in einer Gruppe aus zwanzig Zöglingen und vier Pädagogen eigenverantwortliches und soziales Verhalten lernen. Absolviert er die Maßnahme erfolgreich, bleibt ihm das Gefängnis erspart. Mit welchem Grad an Verwahrlosung es die Betreuer zum Teil zu tun haben, zeigt der Umstand, dass selbst das Zähneputzen gemeinschaftlich und kontrolliert durchgeführt werden muss. Am Mobiliar der engen Kämmerchen lässt sich die Aggressivität früherer Bewohner ablesen, die hier durch ein straffes Sportprogramm, das mitunter an militärischen Drill erinnert, in geordnete Bahnen gelenkt werden soll. Verbale oder handgreifliche Ausfälle sind nicht direkt zu sehen, bleiben dem inneren Auge überlassen. Wer auf spekulative Bilder hofft, ist hier an der falschen Adresse.

Vox-Doku „Entgleist - Jugendliche im Ausnahmezustand“ zeigt verstellte Wege

Der einundzwanzigjährige Ruzhi aus Nordrhein-Westfalen hatte weniger Glück als Mirko – er verbüßt eine achtzehnmonatige Haftstrafe im Jugendgefängnis Iserlohn, als die Filmemacher ihn kennenlernen. Seine Geschichte wird diskontinuierlich erzählt, das einigermaßen gute Ende vorweggenommen, von dort zurückgeblendet. Denn Ruzhi hat, trotz vieler Rückschläge und Widrigkeiten, den Weg zurück in ein geordnetes Leben gefunden und ist mittlerweile Familienvater. Seine Vorstrafe, die er stets ehrlich anspricht, erweist sich jedoch weiterhin als Hürde, bei der Berufswahl, der Jobsuche, sogar beim Versuch, über eine Castingshow als Musiker – Ruzhi schreibt eigene Songs und ist zweifellos talentiert – Fuß zu fassen.

Den meisten Protagonisten gemeinsam ist der frühere Hang zu Drogen. Die Motive sind unterschiedlich. Die einen wollen der Wirklichkeit entfliehen, teils sind traumatische Erlebnisse der Auslöser. Andere wollen im Gegenteil den Alltag besser bewältigen. Die sechzehnjährige Julia beispielsweise nahm Drogen gegen den Schulstress. „Um leistungsfähiger zu sein“, erklärt sie.

Vox-Dokumentation zeigt eine Frau, die dem Tod entronnen ist

Die heute achtundzwanzigjährige Jasmin war zu Beginn der Dreharbeiten selbstmordgefährdet und verletzte sich regelmäßig selbst. Misshandlungen, der Freitod des Vaters – Erlebnisse, die das Kind zutiefst verstörten. Sie ging mit zwölf freiwillig in eine Jugendeinrichtung, eckte dort häufig an. Heute ist sie Kleinunternehmerin und zweifache Mutter. Sie lacht, als sie die damalige gerichtliche Einweisungsverfügung liest.

Einige der Biografien machen Mut. Daniela hätte sterben können. Im Alter von siebzehn Jahren litt sie an Stimmungsschwankungen und einer Essstörung. Ihr Selbsthass war so groß, dass sie Rasierklingen schluckte. Die Therapie hat ihr geholfen. Zwölf Jahre später ist sie verheiratet, hat eine Tochter bekommen, arbeitet in der Pflege, hat ein Fernstudium der Psychologie aufgenommen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann kommentiert sie die Filmaufnahmen von 2007, die sie in einem therapeutischen Zentrum zeigen. Dankbar sei sie, dass „die [Therapeuten] immer weiter rumgenervt haben.“

„Entgleist - Jugendliche im Ausnahmezustand“: Teenager mit quälenden Gedanken

Für andere kann man nur hoffen. Die meiste Sendezeit widmen die Filmautoren der siebzehnjährigen Michelle, ein tieftrauriges Persönchen. Ihre Arme sind von Narben entstellt. Schnitte, die sie sich selbst beigebracht hat. Der Schmerz lenkt sie ab, wenn ihre „Gedanken zu laut“ seien. Während der Dreharbeiten erlebt Michelle Höhen und Tiefen. Zeitweilig muss sie vor sich selbst geschützt werden.

Allzu intime Szenen werden ausgespart. Die Grenze zum Voyeurismus bleibt dennoch fließend. Die scheue Michelle hat sich bewusst für die Dreharbeiten entschieden, möchte, was sie große Überwindung kostet, zur Aufklärung über das Krankheitsbild Depression beitragen. Wenn es ihr zu viel wird, verweist sie die Kameraleute des Raumes. Dennoch: In manchen Phasen ist sie zu schwach, um einfachste Ansprüche zu äußern. Ob hier immer die nötige Behutsamkeit gewahrt wurde, lässt sich am Bildschirm nicht beurteilen.

Dafür spricht, dass sich die pädagogisch ausgebildete Koautorin Amai Haukamp vordem bereits als Dokumentarfilmerin mit dem Thema Depressionen befasst hat. Für Betroffene werden zwischendurch immer wieder Telefonnummern von Hilfseinrichtungen eingeblendet. Experten nehmen jeweils Stellung zu den angesprochenen Themen. Auch die als ADHS bekannte Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wird aufgegriffen und wird verständlich erklärt.

Vox-Doku „Entgleist - Jugendliche im Ausnahmezustand“ gleicht einem Themenabend

In diesem Punkt schließt sich der Kreis zur Drogenproblematik. Eine mögliche Behandlung von ADHS sieht die Verabreichung des Medikaments Methylphenidat vor, auch bekannt als Ritalin. Skeptische Experten vergleichen dessen Wirkung mit der von Amphetamin. Jener Droge, die die bereits erwähnte Julia und den siebzehnjährigen Alexander in eine Entzugsklinik brachte.

Veranlasst wurde die Produktion durch die besorgniserregende Zunahme psychischer Krankheiten bei Jugendlichen. Die Vox-Dokumentation, die eher einem Themenabend gleicht, liefert Informationen für die Allgemeinheit und Orientierungsmöglichkeiten für Betroffene. Fraglich ist nur, ob nicht eine Aufteilung auf kürzere Episoden und mehrere Sendetage den Zuschauerkreis erhöht hätte, da wichtige Inhalte erst ab der zweiten Hälfte, also teils deutlich nach zweiundzwanzig Uhr, auf den Bildschirm gelangen.

Die Sendung: „Entgleist! – Jugendliche im Ausnahmezustand“, Samstag, 1.2., ab 20:15 Uhr, Vox

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