TV-Kritik zu Maybritt Illner: Die Ukraine als Zaungast

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Überzeugendes Plädoyer: Yevgenia Belorusets. Foto: zdf

Per Zufall reingezappt, leider zu spät, aber drangeblieben. Und aufgeregt. „Maybritt Illner“, die x-te Talkrunde zur Ukraine-Krise, ohne wirklich neue Erkenntnisse. Außer der vielleicht, dass Friedrich Merz, der sich nach seinem Ausscheiden aus der ersten Reihe der CDU eher rar macht, ein guter Talkshowgast ist, weil er die Dinge auf den Punkt bringt.

Ansonsten gab es Donnerstagabend mal wieder viel Stochern im Nebel und Gäste, die von den entscheidenden Geschehnissen so weit entfernt sind wie von der Regierungsverantwortung, wie der mittlerweile 92-jährige Egon Bahr und Studiodauerbewohner Gregor Gysi, nebenbei Fraktionschef der Linken. Immerhin ein neues Gesicht: der US-amerikanische Politikberater Andrew B. Denison, der optisch auch prima als Offizier und US-Nato-Vertreter in Brüssel durchgehen würde.

Sie alle haben im Studio natürlich gut reden, und es wirkte ausgesprochen albern, dass etwa Gysi immerzu auf Diplomatie und Verhandlungen beharrte. Nichts anderes ist doch seit Wochen im Gang, um die russischen Großmacht-Ambitionen auf der Krim und im Osten der Ukraine einzudämmen.

Bei „Günther Jauch“ hatte schon der 87-jährige Erhard Eppler vorgeschlagen, die Russen sollten sich mit den Deutschen an einen Tisch setzen und sich über die Ukraine einigen, was den taz-Redakteur Klaus-Helge Donath an den Hitler-Stalin-Pakt denken ließ. Mit dem hatten sich die verfeindeten Diktaturen im August 1939 friedlich-schiedlich auf die Teilung Polens geeinigt. Die Polen wurden nicht gefragt, und was heute das 45-Millionen-Volk der Ukraine will, ist für einen Erhard Eppler offenbar auch eher zweitranging.

Welche Rolle der Ukraine für erschreckend viele Deutsche zukommt, machte Maybritt Illners Polittalk wunderbar anschaulich: Es ist die des Zaungasts am Tisch der Mächtigen. Ganz zum Schluss wurde die ukrainische Journalistin und Fotografin Yevgenia Belorusets als Gast befragt, am Rand, im Stehen, und dann immerhin doch noch zum Männer-Quartett am Tisch gebeten. Sie machte ihre Sache außerordentlich gut, gab dem ausgebufften Politprofi Gysi, der geübt ist, beifallheischend zuzuspitzen oder abzuschweifen, tapfer Kontra und stellte ein paar sehr richtige Fragen. Etwa die, woher die russischen Separatisten plötzlich all ihre Waffen haben. Plötzlich schwiegen auch die „Putin-Versteher“ etwas betreten, als Belorusets aus ihrem Bekannten- und Freundeskreis und von dem Dauerfeuer der russischen Propaganda berichtete.

Russische Stimmen übrigens kamen bei Maybritt Illner diesmal auch nicht zu Wort. Weder die Regierungsverlautbarer wie kürzlich der eigentlich nichts sagende Botschafter, aber auch nicht die Kritiker der imperialen, machtbesessenen Putin-Politik. Es gibt ja Menschen, die sich in Moskau auskennen und sich einen kritischen Blick bewahrt haben, sei es Irina Scherbakowa, die gerade in Oldenburg den Carl-von Ossietzky-Preis entgegennahm, die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, Swetlana Alexijewitsch oder der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel. Sie alle sind entsetzt über Putins Propaganda-Maschinerei und wie schnell und radikal sie die Menschen beeinflusst. Im deutschen Fernsehen kommt all das zu wenig vor. Aber da sitzen ja schon Gregor Gysi, Egon Bahr oder Erhard Eppler. Fehlen nur noch unsere Altkanzler Schröder und Schmidt.

Von Mark-Christian von Busse

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