Zu Gast im Kasseler Schauspielhaus 

TV-Star Mechthild Grossmann lässt ein Pferd sprechen

Kassel. Mit der Geschichte des Don Quichote aus Sicht seines Pferdes Rosinante begeisterte Mechthild Großmann das Kasseler Publikum.  

Was weiß man schon von Rosinante? Das Pferd des edlen Ritters Don Quichote von La Mancha bleibt im Roman von Miguel de Cervantes stumm. Niemand kann wissen, was es zu den verrückten Taten seines Herrn so denkt.

Nun, 400 Jahre nach Erscheinen des Romans, den viele als das größte Buch aller Zeiten ansehen, lichtet sich das Geheimnis ein wenig. In dem Hörstück „Don Quichote“ von Christian Filips führt der Klepper das Wort, und die Theater- und Fernsehschauspielerin Mechthild Großmann, bekannt als Staatsanwältin im „Tatort“ aus Münster, verleiht ihm ihre unverwechselbare Stimme: tief wie Zarah Leander, verrucht und verraucht, zu allen Schattierungen fähig, zu Empörung und Liebesgeflüster, zu Begeisterung und Trauer.

Lange stand Rosinante namenlos und kaum beachtet im Stall des im doppelten Sinne eingebildeten Ritters. Als der von zuviel Lektüre endgültig verrückt geworden ist, darf Rosinante hinaus und genießt es. Die neue Rolle steigt ihr dann auch bald zu Kopf, und sie lässt sich zu einigen bedeutungsschwangeren Sätzen hinreißen: „Der Realismus ist ein Pferd“ oder „Pferde stehen höher als Menschen“. Wer will es dem Tier verdenken, das aber bald wieder ganz tierisch wird, zum Beispiel, als es bei einem vorüberlaufenden Zug Hengste in Wallung gerät. Die Genialität ihres „Don“, wie sie ihn nennt, und die tiefe menschheitumfassende Tragödie seiner Figur, die erkennt Rosinante nicht. Das wäre dann doch zu viel verlangt. Noch irdischer ist Quijotes Knappe Sancho, der stets nur betrunken lallt (was er im Roman mitnichten ist) – eine weitere Chance für Mechthild Großmann, die wunderbare Wandelbarkeit ihrer Schauspielerstimme zu demonstrieren.

Die Lesung wird zum Hörstück dadurch, dass fünf Mitglieder der „Lautten Compagney“ Berlin Musik der spanischen Renaissance spielen. Lauten sind nicht dabei, wohl aber Zink (Friederike Otto), Violine (Birgit Schnurpfeil), Vihuela (Andreas Nachtsheim), Gambe (Benjamin Dreßler) und Schlagwerk (Peter Kuhnsch). Eine schöne, passende Ergänzung. Den Besuchern, die das Kasseler Schauspielhaus gut füllten, hat’s gefallen.

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