Bühnenklassiker „Jedermann“ beim Kultursommer vor dem Fritzlarer Dom

Über allem die Gnade

Schluss mit lustig, der Tod steht vor der Tür: Till Schneidenbach (Jedermann, von links), Sophia Müller (Die Buhlschaft), Markus Michalik und Gerad Nesper als die beiden Vettern. Foto:  Zerhau

FRITZLAR Das Spiel beginnt. Gott, der Herr tritt auf, und das große Geläut des Fritzlarer Doms beginnt zu läuten. Geplant war das nicht, aber gepasst hat es allemal.

In Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ geht es ums Ganze, das war spätestens jetzt klar. Zwar hatte Fritzlars Bürgermeister Hartmut Spogat zuvor einen heiteren Abend gewünscht, doch daraus wurde nichts. „Jedermann“ ist trotz der altertümlich anmutenden Verse ein ewig aktuelles Stück. Reichtum verhärtet das Herz, Unzucht zieht falsche Freunde an, die volle Geldtruhe kann nicht mit ins Jenseits. Spätestens als der arme Schuldner (!) Tritte statt Milde bekommt, war unsere Gegenwart präsent. Gerade bei dieser Szene war es besonders still im Publikum unter freiem Himmel.

Die Nordseite der alten Kirche gab eine prächtige Szenerie für das Spiel ab, das die Theater-Kompagnie Stuttgart in der Regie von Cornelia Elter und Christian Schlösser aufführte. Nach und nach senkte sich die Dunkelheit herab, und nur noch die schön erleuchtete Bühne war zu sehen. Mit einem großen Aufgebot von 19 Schauspielern, darunter zwei herzerreißend um ihren Vater jammernden Kindern, war die Stuttgarter Truppe nach Fritzlar gekommen.

In prächtigen historischen Kostümen entfaltete sie das Stück vom reichen Mann, den der Tod aus dem prallen Leben ruft und der nur knapp dem Teufel entkommt. Seine wenigen guten Taten, Person geworden in einem klapprigen Weib, lässt Gott am Ende gelten und macht die Himmelstreppe frei. Die Gnade steht über allem.

Hofmannsthals „Jedermann“, vor 101 Jahren in Berlin uraufgeführt, ist untrennbar mit den Salzburger Festspielen verbunden, wo seit 1920 große Darsteller die Hauptrollen spielen. Damit ist die Fritzlarer Aufführung nicht zu vergleichen, im Detail wäre noch manches zu verbessern. Und doch wurde der regenfreie Abend der Atmosphäre wegen zu einem eindrucksvollen Theaterereignis. Der Schlussapplaus der 500 Zuschauer in ausverkauften Reihen fiel etwas spärlich aus.

Heute, 21 Uhr, vor dem Dom in Fritzlar: Ingo Naujoks.

Von Johannes Mundry

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