Antrittsvorlesung von Sven Regener: Über Humor, Witz und die Aggression

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Ist einige Tage an der Kasseler Universität im Einsatz: Autor und Musiker Sven Regener als Inhaber der diesjährigen Grimm-Professur.

Kassel. Autor und Musiker hielt seine Antrittsvorlesung als Grimm-Professor an der Uni Kassel.

Humorvoll will jeder sein, witzig die wenigsten. Sven Regener lieferte eine scharfsinnige Analyse der Rolle von Humor in der Literatur – und im menschlichen Leben – in seiner Antrittsvorlesung als Grimm-Professor der Uni Kassel im vollen Hörsaal am Dienstag. Im zweiten Teil des Vortrags gab er Einblicke in sein Schreiben, zumeist in Bezug auf seinen erfolgreichsten Roman „Herr Lehmann“.

Durchgehend schnell sprechend zog er das Publikum sofort in den Bann und sorgte für viele Lacher – schon zu Beginn mit einem Zitat von Sigmund Freud, das Ausgangspunkt für seine Thesen wurde: Humor schaffe Lustgewinn „aus erspartem Gefühlsaufwand“. Humor sei also dazu da, notwendige Distanz zu erzeugen. Auch wenn es wichtig sei, eine Balance zu halten. Wer keinerlei Humor und somit Distanzierungsmöglichkeit habe, versinke schnell in Depression. Wer aber alles von sich wegdistanziere, gerate in Gefahr, der „Witzelsucht“ anheimzufallen.

Humor lasse sich in den Kategorien übel (andere fertigmachen), flach (Kommt ‘ne Frau zum Arzt, Palimpalim) und gut einteilen, wobei keiner davor gefeit sei, sich auch in der aggressiven üblen Kategorie zu amüsieren. Regeners Herz hänge durchaus an der flachen Kategorie, die im Kern gutmütig sei, Millionen erreiche, aber nie mit Preisen bedacht werde. Gut sei Humor dann, wenn er dazu zwinge, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

In Romanen hänge die Einordnung eines Witzes davon ab, wie ein Leser sich mit den Figuren identifiziere. Wie man Hauptfigur Frank Lehmann in „Herr Lehmann“ sehe, entscheide darüber, wie man die Szene bewerte, wo er einen fiesen Hund auf der Straße in Schach hält, indem er ihn betrunken macht. „Ich finde das liebenswert.“ Die Witze im Buch gingen auf Kosten von diesem Frank, der die Welt mit seinen vorgefertigten Meinungen betrachte. Witze könne man nicht gezielt in ein Buch schreiben, so Regener. Das passiere im Prozess. Auch seine Figuren entstünden so, etwa der legendäre „Kristall-Rainer“, der zunächst nur als Randfigur vorkam, und mit einem Mal wichtiger Gegenspieler von Lehmann wurde.

Beim Verfassen von Literatur sei es am wichtigsten, dafür zu sorgen, dass das Band zwischen dem Roman und dem Leser nicht reiße: Es geht um Unterhaltung, nicht darum, den Leser zu einem besseren Menschen zu machen. Deshalb könne er auch die Verwunderung seines englischen Lektors teilen, der das deutsche Wort „Unterhaltungsliteratur“ überhaupt nicht verstehen könne. Was sei sie denn sonst?

Regeners Band Element of Crime spielt in Vellmar am 13.7. Karten: 0561-203204.

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