Kasseler Musiktage: Quatuor Diotima bot fünf Spitzenkonzerte

Über die Kunst hinaus

Top-Reihe bei den Kasseler Musiktagen: Das Quatuor Diotima mit (von links) YunPeng Zhao, Constance Ronzatti, Franck Chevalier und Pierre Morlet gab fünf außergewöhnliche Konzerte. Foto: Fischer

Kassel. Wie radikal Ludwig van Beethoven das aufklärerische Bild des Menschen mit den Mitteln der Musik zeichnet, ist besonders den alle Konventionen sprengenden fünf späten Streichquartetten anzuhören. Einen starken Eindruck davon, welche Umwälzungen die Musik Beethovens nach 1800 und dann, hundert Jahre später, die Aufgabe der Dur-Moll-Tonalität durch Arnold Schönberg auch heute noch bedeuten, gab das Quatuor Diotima bei den Kasseler Musiktagen in fünf herausragenden Konzerten an fünf Tagen.

Wie bei Beethoven die Musik aus der Sphäre kultivierter Unterhaltung heraustrat und zum Ideenträger und damit zu einer Kunstform wurde, die das Bürgertum in seinem Selbstverständnis einte, erläuterte der künstlerische Leiter der Musiktage, Dieter Rexroth, in seinem Vortrag beim letzten Konzert der Reihe. Noch heute zeugen die damals gegründeten Orchester und Konzerthäuser davon.

Doch nicht nur hohen Erkenntniswert hatten die fünf Konzerte des Ausnahmequartetts aus Frankreich. Dass Musik jenseits aller strukturellen Aspekte vor allem Ausdruck und Emotion ist, ließen die vier Musiker des Quatuor Diotima das Publikum in jeder Sekunde ihres fast neun Stunden (!) umfassenden Spiels erleben.

Die Geiger YunPeng Zhao und Constance Ronzatti, der Bratschist Franck Chevalier und der Cellist Pierre Morlet boten ein geradezu perfekt zwischen individuellem Zugriff und Homogenität austariertes Spiel. Ebenso faszinierend wie die Präzision und Intonationssicherheit war die unglaublich nuancierte Ausdruckskunst des Diotima-Quartetts. Eine besondere Kraftquelle ist hier die neu ins Ensemble gekommene Geigerin Constance Ronzatti, die – durchaus untypisch – nie den Gedanken an einen Niveau-Unterschied zur ersten Violine aufkommen ließ.

Dass Pierre Boulez (90), dem die Konzerte neben Beethoven und Schönberg gewidmet waren, keineswegs, wie oft behauptet, ein kühler Mathematiker ist, sondern in seinem „Livre pour quatuor“ atmosphärisch feinste Stimmungen erzeugt, gehörte zu den Entdeckungen dieser Konzerte. Ebenso die Erkenntnis, dass Schönberg, der Pionier der Atonalität, selbst noch im letzten Quartett von 1936 dem romantischen Gestus verhaftet bleibt.

Und Beethoven? Leichtigkeit bei allen Höchstschwierigkeiten, Brillanz, krasse Heftigkeit und hohe Sensibilität. Das war das Quatuor Diotima.

Jubel, Bewunderung, Ergriffenheit im gut besuchten Kasseler Ständesaal.

Von Werner Fritsch

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