Frank Castorfs Bayreuther „Walküre“ erzählt von Revolution und Beziehungsdramen

Überall ist Aufbruch

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Berühmter Ehestreit: Wolfgang Koch als Wotan und Claudia Mahnke als Fricka. Foto: Nawrath/nh

Bayreuth. Vor der Aussprache mit ihrem Vater kippt Brünnhilde erst mal einen Schnaps. Wie eingeschüchtert sie ist, wie sie aber auch Mut zusammenkratzt, sich zu behaupten – das zeigt in Frank Castorfs „Walküre“ in Bayreuth, dem zweiten Abend seines „Ring“-Vierteilers, sehr schön die Nahaufnahme per Livevideo.

Am Montagabend ist die Aufführung ohne Buhs, dafür mit Jubel, Bravos und Füßetrampeln für Sänger und Dirigent Kirill Petrenko über die Bühne gegangen.

Dockte das „Rheingold“ am Abend zuvor an die Bildwelten von US-Roadmovies an, beamte Castorf die „Walküre“ nun in den Kaukasus, zur Erdölförderung in den 1910er-Jahren. Die Filmeinspielungen von Andreas Deinert und Jens Crull orientieren sich an der Ästhetik der Stummfilmära – extreme Schwarz-Weiß-Kontraste, überzeichnete Mimik.

Alexsandar Denic hat eine hölzerne Förderstätte auf die Bühne gebaut, Ölpumpe, Gleise, Rampen, Tore – eine Kathedrale der Rohstoffförderung. Mit raffinierter Beleuchtung und durch Einsatz der Drehbühne entsteht eine abwechslungsreiche Optik. Auf weiße Tücher am Hausdach oder zwischen Stangen gespannt, werden die Videos projiziert. Statisten im Hintergrund zeigen zusätzlich vorrevolutionären Aufruhr unter den Arbeitern angesichts von Todesfällen auf den Produktionsstätten, die „Prawda“ wird gelesen, rote Fahnen geschwenkt.

Diese Hintergrundhandlung ausgerechnet mit jener Oper zu verknüpfen, die Richard Wagner über weite Strecken dialogisch angelegt hat, ist ein Wagnis. Es gelingt, weil beide Erzählebenen genügend Raum erhalten.

Eine Personenregie ist allerdings kaum vorhanden. Singend bleiben die Figuren statisch. Wenn Wolfgang Koch als Wotan eine gefühlte halbe Stunde dasteht und sein Leben rekapituliert, passiert rein gar nichts. Hier hätte man sich Nacharbeiten zum Vorjahr gewünscht, dass Castorf den Gedanken der „Werkstatt Bayreuth“ aufgreift. Stattdessen hatte er im „Spiegel“-Interview vor Festspielstart gesagt, er könne nicht nachbessern, nur komplett zerschlagen.

Trotzdem begeisterten die Sänger: Johan Botha mit hellem Tenorglanz und Anja Kampe mit großer Leuchtkraft als Siegmund und Sieglinde mit frei strömendem Jubel, verliebter und verzweifelter Power. Kwangchul Youn gab dem Hunding unheilvolle Bassschwärze. Claudia Mahnkes Fricka verzichtete aufs Keifen, wirkte im Ehestreit mit Wotan bedächtig und machtbewusst.

Catherine Fosters Brünnhilde ist hier zunächst noch mehr Mädchen als Kriegerin, klanglich fein ziseliert, ihr Sopran trotzdem zum großen Drama bereit. Und Wolfgang Koch zeigt Wotan psychologisch wie stimmlich eindringlich als gebrochenen Patriarchen. Weniger Donnerhall als vielmehr Melancholie ist von ihm zu vernehmen, bis hin zu eingegrauten, fahlen Klangfarben. Dabei hält er die stimmliche Spannung auch auf der Langstrecke.

Kirill Petrenko ermöglicht aus dem Orchestergraben all diese gesangliche Fein-Auslotung durch seinen fast schon kammermusikalischen Zugriff. Transparent, feingliedrig, schimmernd, etwa bei Brünnhildes „Todesverkündigung“. Auch der Walkürenritt wird nicht rausgeknallt, sondern unpathetisch entfaltet.

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