Im Dickicht der Verschwörungen: Neues von Polanski und Scorsese im Wettbewerb

Überall ist Paranoia

Ein Mann, der sich selbst verliert: Leonardo DiCaprio in Martin Scorseses Wettbewerbsbeitrag „Shutter Island“. Foto: Concorde/nh

Berlin. Es war das Wochenende der Thriller, der großen Namen, der Stars. Martin Scorseses „Shutter Island“ mit Leonardo DiCaprio, Roman Polanskis „Der Ghostwriter“ mit Pierce Brosnan: Der Berlinale-Wettbewerb bot zwei Filme über Männer auf, die in bedrohliche Umgebungen geraten und sich schon sehr bald nicht mehr sicher sind, was eigentlich geschieht. Nicht zufällig stranden beide auf Inseln, von denen es kein leichtes Entkommen gibt.

Scorsese schickt einen Polizisten 1954 zum Ermitteln in ein Gefängnis für straffällige Psychiatriepatienten, Polanski einen Schriftsteller in eine Villa, wo er die Memoiren des britischen Ex-Premierministers Adam Lang verfassen soll - als Ghostwriter. Beide sind mit dem rätselhaften Verschwinden eines Menschen konfrontiert. Paranoia überall.

Nach diesen Parametern enden aber die Gemeinsamkeiten. Scorsese zitiert in ästhetischer Perfektion Thriller der goldenen Hollywood-Jahre, bis hin zur Ausleuchtung und der Art des Sprechens, arbeitet aber auch mit überraschenden Wendungen, Blut, Horror und stilistischen Übertreibungen. Dass just mit Ermittlungsbeginn ein Hurricane die Insel heimsucht, der die Menschen(-seelen) durcheinanderwirbelt, wird als Metapher arg strapaziert.

Polanskis Stilmittel in der Verfilmung eines Romans von Robert Harris ist die Reduktion: Unheimlich wird’s etwa dadurch, dass auf einer Fähre ein leeres Auto steht. Der Fahrer? Aus dem Weg geräumt. Später parkt der Ghostwriter sein Auto auf derselben Fähre. Als er sie schleunigst verlassen muss, wird ihm klar, dass er sich in exakt die Situation manövriert hat, für die sein Vorgänger in dem Job umgebracht wurde. Doch ein Ausstieg ist nicht mehr möglich.

Ewan McGregor spielt diesen namenlosen Schreiberling, der erst siegesgewiss an den lukrativen Auftrag herantritt, und dann schneller, als er die Manuskriptseiten wenden kann, in eine Sache verstrickt wird, die viel zu groß für ihn ist. Dem Premier im Ruhestand wird vorgeworfen, er habe Folter von pakistanischen Terrorverdächtigen unterstützt. Schwäche von „Der Ghostwriter“ ist, dass er es kaum schafft, die Zuschauer für die Aufklärung der Verschwörung zu interessieren.

Eindrucksvoll wurden aber die Atmosphäre geschaffen und die Charaktere gezeichnet. Neben McGregor als naivem Enthüllungs-Draufgänger spielt Pierce Brosnan den Politiker mit einer hintergründigen Mischung aus Selbstgefälligkeit und Charakterschwäche: einen Menschen, der von der Macht geformt wurde.

Leonardo DiCaprio gestaltet als Teddy Daniels in „Shutter Island“ das Porträt eines ungefestigten Mannes, dem sein Bild von sich selbst zunehmend entgleitet. Auch der Zuschauer wird hineingenommen in das Perspektivenpuzzle der Realitäten. Werden hier Menschenexperimente gemacht? Was vertuscht die Klinikleitung? Warum kann Daniels aus seinen Albträumen nicht aufwachen? Scorsese bringt die Atmosphäre von Trauma und Paranoia der US-Gesellschaft der 50er-Jahre in einen emotionsstarken Thriller.

Von Bettina Fraschke

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