Überfällige Staffelübergabe: Das Berliner Theatertreffen erneuert sich

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Reclamheft-Rezitieren mit vorgehaltener Waffe: Tamer Aslan (links) und Rahel Johanna Jankowski in „Verrücktes Blut“ aus dem Ballhaus Naunynstraße.

Berlin. Es wird Provokationen geben. Das verspricht Iris Laufenberg, Leiterin des am Freitag beginnenden Berliner Theatertreffens (bis 23. Mai.). Kein Wunder, zeigt sich das renommierte Gipfeltreffen der Theatermacher doch im Jahr 2011 radikal verändert.

Offenbar ist auf seit langer Zeit gebetsmühlenartig vorgebrachte Kritik nun reagiert worden. Theatertreffen - das heißt, eine Jury wählt aus 350 deutschsprachigen Bühnenproduktionen die zehn „bemerkenswertesten“ aus, von ihnen gibt es Aufführungen im Berliner „Haus der Festspiele“, auf sie fällt schließlich ein ähnliches Renommee wie auf einen oscargekrönten Film. Es werden Preise im Wert von 25.000 Euro vergeben.

Die Vorwürfe der letzten Jahre: Es wurden nur die immergleichen großen Regienamen eingeladen, es wurden nur große Theater aus den Metropolen berücksichtigt. Die Provinz findet nicht statt, junge künstlerische Ansätze finden nicht statt im Stelldichein der Großkopferten.

Jetzt nicht mehr, sagt die Theaterwissenschaftlerin Iris Lauffenberg, die das Festival seit 2003 leitet. In der aktuellen Stückauswahl sind Produktionen aus Oberhausen, Schwerin und Dresden dabei.

Und: Es ist sogar zweimal die freie Szene vertreten mit dem Ensemble She She Pop und dem Regieteam Nurkan Erpulat / Jens Hillje, beide aus Berlin. Somit ist die freie Szene im Olymp des Bühnen-Establishments angekommen (das natürlich nicht per se konservativ sein muss).

Multikulturelle Bühne

Nurkan Erpulat und Jens Hilje inszenieren die Migrantenkomödie „Verrücktes Blut“. Darin versucht eine überforderte Lehrerin, aufmüpfigen Schülern mit Migrationshintergrund Schiller beizubringen. Das Stück entstand am Berliner Ballhaus Naunynstraße in Friedrichshain/Kreuzberg. Ein multikultureller Theatertreffpunkt jenseits der Betroffenheitskultur.

Die Performancegruppe She She Pop realisierte „Testament“ am Berliner Hebbel am Ufer, ebenfalls ein Off-Theater, das für neue künstlerische Ansätze steht. Das Ensemble hat hessische Wurzeln: Die sieben Mitwirkenden haben am Gießener Institut für angewandte Theaterwissenschaften studiert, eine Institution, die in einzigartiger Weise die Bühnenausbildung mit dem Nachdenken über die Zukunft des Theaters verbindet.

Ihr Stück „Testament“ setzt sich mit Shakespeares „König Lear“ auseinander und davon ausgehend mit dem Verhältnis Väter-Töchter.

Aktuell wandelt sich das Theatertreffen - und Iris Laufenberg ist prompt wieder mit Kritik konfrontiert. Warum die großen Regienamen so spärlich vertreten sind? „Die Ausgewählten sind besser.“

3 Sat zeigt das Eröffnungsstück. Am 7. Mai, 20.15 Uhr, läuft „Das Werk/ Im Bus/ Ein Sturz“ von Elfriede Jelinek, Schauspiel Köln. Dreimal gibt es am Wochenende Public Viewing am Berliner Sony Center.

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