Überwältigendes Bühnenspektakel: Brittens Oper „Ein Sommernachtstraum“

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Nächtliche Zauberwelt: Michael Hofmeister als Oberon (vorn links) und Dieter Hönig als Puck (vorn rechts) mit Gefolge.

Kassel. Hoher Besuch im dritten Akt von Benjamin Brittens Shakespeare-Oper „Ein Sommernachtstraum“ (A Midsummer Nights’s Dream): Das athenische Herrscherpaar Theseus und Hippolyta erscheint in Nadja Loschkys Inszenierung in Gestalt der britischen Königin Elizabeth II. und ihres Gatten Prinz Philip.

Die beiden wohnen der Aufführung eines Stücks über Pyramus und Thisbe durch eine verrückte Handwerkertruppe bei - und um das auszuhalten, kippt die Queen so einige Gins.

Vielleicht der stärkste Gag in dieser pointenreichen Inszenierung, der - toll gespielt von Lona Culmer-Schellbach und Tomasz Wija - im ausverkauften Kasseler Opernhaus für glucksendes Vergnügen sorgte.

Selten wurden zuletzt bei einer Kasseler Operninszenierung derart viele Register gezogen wie hier. Als der Vorhang weggeweht und vom Bühnenhintergrund verschluckt wird, öffnet sich zunächst ein leerer Raum, der sich alsbald mit fantastischen Elfenwesen füllt (Bühne und Kostüme: Gabriele Jaenecke). Als Zauberwald schweben Kostüme mit Anklängen an die Shakespeare-Zeit herab, und wenn der Elfenkönig Oberon (Michael Hofmeister) nach seinem Streit mit Titania (LinLin Fan) den schrill-androgynen Puck (Dieter Hönig) samt Gefolge losschickt, um für (Liebes-)Verwirrung zu sorgen, da beginnt ein opulentes Spiel mit Lichteffekten und Bühnenverwandlungen, mit pantomimischen und akrobatischen Aktionen der Zauberwesen.

Wenn die Elfen, scheinbar unsichtbar, ihr Spiel mit den desorientierten Paaren und der Theater spielenden Handwerkertruppe treiben, wenn sie Figuren quasi einfrieren, herumtragen und wieder ins Spiel bringen, dann wird nicht nur denen ganz anders, sondern auch den Zuschauern werden die Sinne verwirrt.

Im Zauber gefangen: Titania (LinLin Fan) verliebt sich Hals über Kopf in den verwandelten Zettel (Marc-Olivier Oetterli).

Höhepunkt der perfekten Illusionsmaschinerie sind die Verwandlung des Zettel (Marc-Olivier Oetterli) in einen Esel und seine bizarre Liebesszene mit der verzauberten Titania. Bei all dem Zauber verschwimmen aber die Charaktere der Liebespaare Hermia und Lysander sowie Helena und Demetrius. Welches Spiegelbild wollen Shakespeare und Britten, welches will die Regisseurin dem Publikum vorhalten? Im Schlusstableau deutet Loschky immerhin an, dass die Treueschwüre der Liebenden nicht allzu lange halten werden.

Sehr direkt spricht dagegen die Musik in Brittens 1960 uraufgeführter Oper. Auch da, wo sie die unwirkliche Welt der Elfen mit fahlen Streicher-Glissandi einfängt. Herausragend, wie das Staatsorchester unter der Leitung des scheidenden Ersten Kapellmeisters Marco Comin die verschiedenen Sphären musikalisch zeichnet und die Charaktere profiliert - etwa Dieter Hönigs herrlich eitlen Puck mit brillanten Trompeten-Girlanden.

Sängerisch und darstellerisch gleichermaßen glanzvoll agiert LinLin Fan. Titanias quecksilbrige Koloraturen scheinen ihr auf den Leib geschrieben. Aus dem homogenen und stimmlich hochklassigen Ensemble ragen auch Maren Engelhardt als Hermia, Ani Yorentz als Helena und Stefan Zenkl als Demetrius heraus. Marc-Olivier Oetterli verbindet als Zettel stimmliche Präsenz mit umwerfend komischem Spiel. Gelegentlich etwas matt klingt dagegen der Oberon des Countertenors Michael Hofmeister.

Der Elfenchor und die solistischen Elfen, die geschmeidigen Akrobaten in Pucks Gefolge und nicht zuletzt die Bühnentechnik - sie alle trugen zum Erfolg dieses „Sommernachtstraums“ bei, der beim Premierenpublikum auf jubelnde Zustimmung stieß.

Wieder am 9., 13. und 19.6. Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

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