Ausstellung: Ulla von Brandenburg inszeniert Kleider und Bewegung

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Performance vor ausgestellten historischen Gewändern: Die Tänzer Marianne Linder und Stefan Kreuzer tragen hier Kostüme aus den 1920er-Jahren. 

Kassel. 250 Kleider - 250 Lebensgefühle. Auf weißen Holzbügeln hängen in den Räumen des Kasseler Kunstvereins in zwei Reihen übereinander Blusen, Jacketts und Kleider aus den Jahren 1900 bis 2015.

Vom Wallegewand in psychedelischen 70er-Jahrefarben über einen ausgestellten Sommerrock im Capristil und einer nietenbesetzten Lederjacke bis zu karierten Knickerbockern wie aus einem Tim-und-Struppi-Comic.

Die in Paris lebende Karlsruher Künstlerin Ulla von Brandenburg (40) beschäftigt sich in ihrer Ausstellung „Gestern ist auch morgen - und heute ist wie hier“ mit der Frage, wie Kleider unser Körper- und damit unser Lebensgefühl beeinflussen. Die Theaterwelt macht es vor: Wenn wir in ein Kostüm schlüpfen, hilft uns die andersartige Kleidung mit ihrer Weichheit oder Festigkeit, mit ihrer Enge oder Weite, dabei, uns anders zu bewegen und vielleicht für einen Moment ein anderer zu werden. Und so werden die Kunstvereinsräume zu einer Bühne für ein farbenfrohes Experiment mit Lebensentwürfen.

Dies wird verstärkt durch die Tänzer Marianne Linder und Stefan Kreuzer, die zu bestimmten Zeiten mitten in der Schau in einige der Gewänder schlüpfen und maßgeschneiderte Performances zu den Jahren 1900, 1920, 1950, 1970, 1980 und 2000 zeigen. Der Choreograf und Tänzer René Alejandro Huari Mateus hat sie mit ihnen entwickelt.

Sie haben zum Beispiel Filme aus den zurückliegenden Epochen betrachtet und studiert, wie sich die Menschen einst bewegt haben. Marianne Linder hat festgestellt: „Zum Teil konnte ich deren Bewegungen gar nicht“, ihr Körper musste sich erst an die ungewohnten Abläufe gewöhnen. Die 20er-Jahre-Performance etwa erinnert an die Stummfilme der Zeit mit ihren wie vergrößert wirkenden Gesten und ihrer augenrollenden Slapstick-Übertreibung.

Nicht nur wie Menschen sich bewegen, auch wie sie tanzen, hat sich stark verändert, hat Ulla von Brandenburg festgestellt. Dabei muss man gar nicht weit zurückblicken. Selbst bei Leuten, die in den 70er-, 80er- oder 90er-Jahren ihre Discojahre erlebt haben, sind die Bewegungsmuster auf der Tanzfläche völlig unterschiedlich. Und so verstärken die Tänzer in den Epochengewändern die Vorstellungen von anderen Lebensentwürfen. Findet gerade keine Live-Aufführung statt, können die Performances per Video betrachtet werden.

Ulla von Brandenburg inszeniert Kleider und Bewegung

Andrea Schulze Wilmert und Stefan Bast vom Vorstand des Kunstvereins haben Ulla von Brandenburg eingeladen und die Idee zu der Schau mit der Künstlerin entwickelt, die sich viel mit Film und den Rauminszenierungen von Theater beschäftigt. Die ausgestellten Kleidungsstücke stammen von ihr, aus dem Fundus des Staatstheaters, das Gewänder vom Anfang des vorigen Jahrhunderts nachgeschneidert hat - Originale wären für so eine Präsentation ungeeignet, außerdem von der Kasseler Kostümbildnerin Riet Hannah Bernard.

Wer also die Kleider auf den Bügeln oder in Bewegung erlebt, dem könnte es gehen, wie Ulla von Brandenburg: „Plötzlich scheint man den Menschen vor sich zu sehen, der das Kleid einst getragen hat.“

Die Ausstellung im Kasseler Kunstverein im Fridericianum läuft bis 21. Juni. Sie ist mittwochs bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Eintritt: 4/2 Euro. Die Tanzperformances sind freitags von 16 bis 18, sowie samstags und sonntags von 14 bis 16 Uhr. Führungen gibt es ab 14 Uhr am 25.4., 9.5., 6.6. und 20.6. Ein Gespräch mit der Künstlerin ist für Samstag, 23.5., 14 Uhr, geplant.

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