Ulrich Tukur - und was vom Interview übrig blieb

Kassel. Seit vielen Jahren macht Ulrich Tukur, hochkarätiger Schauspieler und gerade als Erwin Rommel im Ersten zu sehen, mit seiner Tanzkapelle Rhythmus Boys Musik. Am 11. Januar tritt das Quartett mit seinem Programm „Musik für schwache Stunden“ im Kasseler Staatstheater auf. Anlass für ein Telefon-Interview mit dem 55-Jährigen.

Wir erreichen ihn in einem Frankfurter Hotel, der Empfang stellt durch, Tukur ist erstmal überrascht. Er hatte den mit der Agentur vereinbarten Termin nicht auf dem Schirm. Doch blitzschnell stellt er sich auf den Journalisten ein, ein anderer Anrufer am Handy wird abgewimmelt. Es ist, wie er es sogleich äußern wird: Selbst wenn man keine Lust hat, auf Interviews zum Beispiel, muss man Menschen ernst nehmen.

Es entwickelt sich ein gut 15-minütiges, sehr freundliches, konzentriertes Gespräch über Tukurs Vorliebe für nostalgische Unterhaltungsmusik der 20er- und 30er-Jahre, seinen Wohnort Venedig und Kommunikation im Internet. Auch über seine Rolle als „Tatort“-Kommissar spricht Tukur gern. Ein geglücktes Gespräch.

Um so größer ist die Überraschung, als die autorisierte Fassung wenig mit Tukurs Formulierungen zu tun hat. Alles ist umgeschrieben, ergänzt, gekürzt, geglättet. Nur das Gerippe der Fragen ist erhalten.

Normalerweise läuft es nach Wortlaut-Interviews so, dass Agenten von Schauspielern und Musikern das verschriftlichte Gespräch absegnen. Meist eine Formalie, oft werden die abgetippten Interviews ohne Änderungen durchgewunken, manchmal wird die eine oder anderen Formulierung korrigiert. Anders bei Ulrich Tukur. Da wirkt es, als habe er selbst oder seine Agentur Trocadero seine Antworten neu geschrieben. Dem Sinn nach entsprechen sie dem, was er am Telefon im Hotel gesagt hatte. Es fehlt aber das Spontan-Lebendige, alles klingt überlegter, auch vorsichtiger.

Am Telefon hat er gesagt, Musik sei für ihn ein Ventil, nun ist sie etwas gestelzt „Quell der Freude“. Im Gespräch erzählt er, dass er schon als Kind in parallelen Welten gelebt habe, so wie seine Filme in einer fantastischen, einer vergangenen oder gegenwärtigen Zeit spielten. Das ist gestrichen. Gefragt, wie er sich vor dem Sich-Verzetteln schütze, spricht Tukur vom Zusammenbrechen, von einer Krise. Dieses Multitasking könne auf Dauer nicht funktionieren. Das ist entschärft. Die Beliebtheit der „Tatort“-Kollegen in Münster kommentiert er, die machten das ja fabelhaft, aber generell werde zurzeit zu viel „Tatort“ gemacht - das könne man kaum mehr sehen. Weg damit.

Sein Felix Murot solle polarisieren, anstrengen, sagte Tukur. Der stehe am Abgrund, verhandle Ängste, die viele Menschen spürten, aber überspielten. Eine Identifikationsfigur für alle, die mit einer Welt der totalen Simulation Probleme haben. Auch diese Aussage ist geglättet. Zur Simulation gerät durch die Eingriffe das Interview. Wir drucken es deshalb nur in einzelnen Passagen.

Freitag, 11.1., 19.30 Uhr, Ulrich Tukur & die Rhythmus Boys, Staatstheater Kassel, Karten: 0561/1094222, www.staatstheater-kassel.de

Ulrich Tukur über:

NostaIgie: „Ich fühle mich wohler in meiner Fantasie und meinen Träumen als in der Wirklichkeit. Wenn man sich an ihr reibt und seine eigene Welt entwirft, entsteht Kunst. (...) Ich habe sicher eine altmodische Vorstellung von Eleganz und Schönheit. Aber ein Nostalgiker ist jeder Mensch, der sich nach etwas Stimmigem, nach einer Art Heimat sehnt, in der Gier, Hässlichkeit, Flachsinn und Zerstörung nichts zu suchen haben. Das hat nichts mit der Sehnsucht nach Vergangenheit zu tun.“

seine Rolle im „Tatort“: „Der HR gibt uns die Möglichkeit, zu experimentieren und über die Grenzen der Konvention hinauszugehen. Das ist großartig. Natürlich stört das diejenigen, die sich am immer Gleichen laben und diesen unechten Polizisten- und Spusiquatsch sehen wollen. Der ,Tatort’ ist eine solche Beliebigkeitsblase geworden, dass man es aushalten sollte, wenn etwas Anderes versucht wird.“

über das, was alte Schule ausmacht: „Respekt. (...) Und jawohl, auch Höflichkeit. (...) Ich lebe seit 13 Jahren in Italien. Vieles strengt an in diesem Land, aber es ist auszuhalten, weil die Menschen dort höflich, humorvoll und großzügig sind.“

Facebook und Twitter: „Es ist zu viel. Ich komme ja schon kaum mit der analogen Post zurecht. Es findet im Netz eine Explosion der Beliebigkeit und eine groteske Selbstentäußerung und Potenzierung von Schwach- und Mindersinn statt, dass man am liebsten flüchten und sich verstecken möchte.“

seine vielen Verpflichtungen: „Ich mache Film, Fernsehen, Varieté, Musik, schreibe ein Buch, bereite eine Schallplatte mit meiner Band und dem WDR-Rundfunkorchester vor, habe eine Frau in Venedig, einen Bauernhof, einen Hund, zwei Töchter, alte Eltern... Man läuft und läuft und kann schlecht anhalten. (...) Nur solange man mehr zurückbekommt, als man hineinsteckt, ist es in Ordnung. Diese Rechnung muss stimmen.“

Von Mark-Christian von Busse

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