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Ulrich Tukur tritt im Opernhaus auf: „Eine schöne Herausforderung“

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Von: Kirsten Ammermüller

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Musiker und Schauspieler Ulrich Tukur.
ks_vwdd165028c37c6b4d790b090fdc081c2cc.jpg © Elena Zaucke/NH

INTERVIEW Ulrich Tukur kommt mit seinen Rhythmus Boys ins Kasseler Opernhaus. Er plädiert dafür, den Menschen mental und künstlerisch nicht immer weniger Herausforderungen zuzumuten. Das nutze ab und führe nicht zu mehr Lebensqualität.

Er zählt zu den renommiertesten Schauspielern Deutschlands und ist auch seit vielen Jahren als Musiker überaus erfolgreich. Am 15. Januar 2023 kommt Ulrich Tukur mit seiner Swing-Kapelle Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys ins Kasseler Opernhaus. Wir haben mit ihm gesprochen.

Herr Tukur, Sie kommen mit den Rhythmus Boys und Ihrem Programm „Rhythmus in Dosen“ ins Kasseler Opernhaus. Worum geht es im Programm?

Das Programm befindet sich in seiner letzten Runde und ist jetzt in einer fast perfekten, bestechenden Form. Wir spielen es seit der Zeit, als uns staatliche Auflagen in Sachen Pandemie dazu zwangen, unsere Konzerte in siebzig Minuten und ohne Pause über die Bühne zu bringen. Ursprünglich hieß es „Liebe, Jazz und Übermut“. Als Archäologe der Unterhaltungsmusik des 20. Jahrhunderts bin ich zufällig auf eine Aufnahme des Tanzorchesters von Lutz Templin gestoßen, die „Rhythmus in Dosen“ hieß, eine ziemlich heiße Instrumentalnummer aus dem Jahr 1942. Und ich dachte sofort, der Titel ist gut, das passt, verpacken wir das Ganze also in kleine Dosen, kreieren ein musikalisches Konzentrat aus dem Material, das wir haben und machen etwas sehr Essenzielles.

Wir befinden uns also musikalisch in dieser Zeit?

Natürlich leben wir nicht mehr 1932, wir haben ein völlig anderes Lebensgefühl, und deshalb spielen wir auch keine Replikate alter Nummern, sondern interpretieren sie neu, aber immer in Verbeugung vor den Künstlern jener Zeit. Es ist ein lustvolles Spiel mit Melodien und Kompositionen einer vergangenen Epoche, die es nicht verdient haben, vergessen zu werden.  Jeder Abend hat sein eigenes Fluidum, ist anders als der vorherige, meine Einlassungen sind nicht ohne Risiko, manchmal verquatsche ich mich und lande im Nirwana rätselhafter Sinnlosigkeit. Wir laden gestresste Menschen zu einer Reise ein, die verzaubern soll. Es ist Sinn und Zweck guter Unterhaltung, dass der Mensch sich freue, Kraft schöpfe und das Leben ein bisschen schöner empfinde, als es zu sein scheint.

Eine große Herausforderung?

Eine schöne Herausforderung! Wie schafft man es mit einfachen, altmodischen Mitteln, eine Zuhörerschaft zu erreichen, die sich tagtäglich im Krach und der toxischen Dynamik einer überdrehten, artifiziellen Welt bewegt? Wir erleben einen kulturellen Paradigmenwechsel, der fundamental ist und einen neuen Menschen schafft, dem jedes Geschichtsbewusstsein abgeht. Wie kriegt man es also hin, dass auch jüngere Menschen kommen und zuhören?

Und wie gelingt das?

Wichtig ist, den Menschen klar zu machen, dass die eigene Fantasie einen gewaltigen Raum eröffnet, der nur dir gehört, der autonom ist und in keiner Abhängigkeit von irgendwelchen industriellen Versuchen steht, deine Seele zu kapern. Aber es ist eben mit einer kleinen Anstrengung verbunden. Das ist mir auch bei meinen „Tatorten“ wichtig, dass man als Zuschauer etwas zu beißen hat. Wer nur Brei zum Fressen kriegt, verliert schnell seine Zähne. Überhaupt scheint mir das große Appeasement unserer Tage ein zentrales Problem; Man will es den Menschen so leicht und einfach wie möglich machen. Aus Angst, übergriffig zu werden und wehzutun, fordert man nichts mehr ein. Das führt zu keinem Gran mehr Lebensqualität, eher im Gegenteil. Der Mensch braucht eine Aufgabe und möchte natürlich gefordert werden.

Während Ihres Studiums in Tübingen waren Sie als Straßenmusiker unterwegs. Wie muss man sich das vorstellen?

Als ich dem Elternhaus und der Bundeswehr glücklich entflohen war, studierte ich Germanistik, Anglistik und Geschichte in Tübingen. Ich hatte so wenig Geld, dass Miete, Leihklavier und Telefon die knappe Apanage meiner Eltern auffraßen. Aber ich brauchte ja irgendwas zum Essen. So entstand die Idee, ein Tucholsky-Referat, das ich mit Chansons musikalisch aufpeppte, auf dem Tübinger Marktplatz zu veräußern. Ich brachte mir das Akkordeonspielen bei, mein Freund Herr Mayer spielte Gitarre und Banjo, obwohl er vom Klavier kam, dann schloss sich uns ein Steh- und Quälgeiger an und zum Schluss ein sehr origineller, aber alkoholabhängiger Hochadliger, der aus einer Benzintonne mit angeschraubten Besenstiel und Wäscheleine tiefe Basstöne holte. Die Musik, die wir produzierten, haben wir dann „Schleim- und Behelfs-Jazz“ genannt, und schnell wurden wir so etwas wie eine Kultband in Tübingen und Umgebung. Schlussendlich hat mich diese Tätigkeit dann zum Theater gebracht.

Aktuell stehen Sie als Kommissar Murot für eine neue „Tatort“-Folge vor der Kamera. Was können Sie schon verraten?

Es wird wieder ein ungewöhnlicher Film, mit einem tollen Drehbuch meines Freundes Florian Gallenberger, der den Film auch inszeniert. Er heißt „Murot und das Paradies“ und spielt zum Teil in virtuellen Welten, in denen man unglaubliche, eben paradiesische Dinge erlebt. Nur führt die Sucht danach zum Tod. Der Film verhandelt die Frage nach dem Sinn des Lebens, was denn eigentlich Glück sei und erzählt nebenbei eine sehr spannende Kriminalgeschichte.

Sie sind Schauspieler, Musiker und Autor. Angenommen, Sie wüssten, dass Sie Ihren allerletzten Auftritt gestalten müssten, wie würde der aussehen?

Alles so wie immer, nur ein bisschen besser. Und danach eine Flasche Amarone. Und dann noch eine.

Zur Person

Ulrich Tukur (65) geboren als Ulrich Gerhard Scheurlen in Viernheim (Hessen).

Als Musiker: 1995 gründete Tukur mit Ulrich Meyer (Gitarre) und Günter Märtens (Kontrabass) die Swing-Kapelle Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys, 2000 stieß Schlagzeuger Kalle Mewes hinzu. Mehrere Alben.

Als Schauspieler: Ab 1980 Ausbildung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, anschließend Engagement an den Städtischen Bühnen Heidelberg. Erste Filmrolle in „Die weiße Rose“ von Michael Verhoeven. Als LKA-Ermittler Felix Murot seit 2010 im HR-„Tatort“ im Einsatz.

Als Autor: 2007 „Die Seerose im Speisesaal – Venezianische Geschichten“, es folgten die Novelle „Die Spieluhr“ und der Roman „Der Ursprung der Welt“. amm

Auftrittstermin: 15. Januar 2023, 19.30 Uhr, Opernhaus: Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys. Programmtitel: „Rhythmus in Dosen“, staatstheater-kassel.de

Von Kirsten Ammermüller

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