Ulrich Wickert im Interview: „Der Wähler war ungerecht“

Von 1991 bis 2006 hat er die „Tagesthemen“ moderiert. Inzwischen tritt Ulrich Wickert auch als Krimiautor in Erscheinung. Gerade ist sein zweiter Fall für den Ermittler Jacques Ricou erschienen, „Das achte Paradies“. Wickert stellt das Buch kommenden Donnerstag beim Sparda-Erzählfestival in Kassel vor.

Woher kennen Sie sich bei der georgischen Mafia und Parfüm-Imperien aus, die in Ihrem Krimi eine Rolle spielen?

Ulrich Wickert: Weil ich bei Grasse ein Häuschen besitze. Französische Freunde haben mich mit einem großen Parfümclan in Verbindung gebracht. Da hab ich sehr viel vom Geschäft mitbekommen. Was die georgische Mafia betrifft, na, meine Güte, da kann man recherchieren. Die betreiben Phishinçg, das Ausspionieren von Daten im Internet. Der Präsident des Bundeskriminalamtes hat gerade gesagt, Internetkriminalität nehme unglaublich zu, gerade Phishing. Wie in meinem Krimi!

Woher stammen Ihre Ideen? Von Zeitungslektüre?

Wickert: Etwas Fantastisches zu schreiben, würde mir nicht entsprechen. Ich bin politischer, kritischer Journalist, also bleibe ich nah an der Wirklichkeit. Ich lese sehr viele Zeitungen, auch französische, ich unterhalte mich mit vielen Leuten und erfahre ungeheuer viel. Ich bin manchmal erstaunt, dass die Wirklichkeit meine Fälle überholt.

Aber warum Krimis?

Wickert: Das liegt daran, dass ich Krimis mag. Ich wollte schon vor meinem ersten Sachbuch einen Krimi schreiben, ich wusste nur nicht, wie man das macht. Sachbücher waren einfacher. Das war im Journalismus angelegt. Aber irgendwann musste ich anfangen.

Sie sind unglaublich fleißig. Das ist Ihr 23. Buch. Kennen Sie Schreibblockaden?

Wickert: Nett, dass Sie so zählen, aber manche würde ich ausklammern, wie die Interview-Bände und die Wettergeschichten. Wenn das 14 Bücher in 30 Jahren sind, ist das nicht so viel. Als „Tagesthemen“-Moderator können Sie sich keine Schreibblockade erlauben. Wenn Ihnen nichts Geniales einfällt, muss man es einfach machen: Subjekt, Prädikat, Objekt. Manchmal fällt einem ein gutes Verb ein, mal nur „ist“ oder „haben“. Wenn man das Handwerk beherrscht, kommt man voran, indem man etwas hinschreibt. Später kann man korrigieren und feilen.

Sie sind ein Beispiel dafür, dass Arbeiten bis 67 kein Schreckgespenst sein muss.

Wickert: Mein Vater hatte bis 93 seine Sekretärin und saß bis zu acht Stunden am Schreibtisch. Irgendwas muss man am Tag machen. Golf spielen und Skat bereiten mir weniger Spaß als das, was ich mache, mich einzusetzen für Initiativen wie „Schüler Helfen Leben“ oder hin und wieder einen Vortrag zu halten.

Sie haben mit vielen Prominenten zu tun gehabt. Wer hinterließ den stärksten Eindruck?

Wickert: Bill Clinton, den ich bei einem privaten Abendessen bei Gerhard Schröder kennengelernt habe. Eine sehr faszinierende Figur. Er hat eine große Ausstrahlung. Der zweite ist François Mitterrand. Und ich unterhalte mich immer gern mit Gerhard Schröder, den ich für einen mutigen Politiker halte, weil er mit der Agenda 2010 Deutschland so gesund gemacht hat, dass wir jetzt hervorragend dastehen.

Was ihm seine Partei nicht dankt.

Wickert: Und der Wähler auch nicht. Das war ungerecht. Ich halte ihn für einen wichtigen Politiker, der privat die wunderbarsten Geschichten erzählen kann.

Wen hätten Sie gern gesprochen, wo Sie aber kein Interview bekommen haben?

Wickert: Da fällt mir keiner ein. Gott sei Dank.

Vorigen Herbst haben Sie in der FAZ die „sprachliche Verlotterung“ bei den Fernseh-Nachrichten gegeißelt. In den ARD-Chefetagen fehle der Sinn für die politische Grundversorgung. Ihre Kritik hat nichts genutzt. Das Erste hat einen „Brennpunkt“ zu Ballacks Knöchel gebracht, aber keinen zum Rücktritt Roland Kochs.

Wickert: Ich habe den Eindruck, es hat sich was gebessert. Ich weiß aus Gesprächen mit Kollegen, dass sich die ARD eine ganze Menge Gedanken macht. Das ist schon toll, dass aufgrund eines Artikels eines mürrischen älteren Herrn etwas passiert. Die Verlotterung der Sprache betrifft auch die gedruckte Presse. Wenn der Begriff „Ehrenmord“ ohne Anführungszeichen benutzt wird, ärgert mich das maßlos. Dieses Wort ist Quatsch.

Man hat den Eindruck, im Nachrichtengeschäft muss alles immer schneller gehen.

Wickert: Ja. Und es muss immer stärker zugespitzt werden.

Können die Zuschauer dem Fernsehen noch trauen?

Wickert: Ja, absolut. Der deutsche Journalismus gehört mit zum besten in der Welt. Wir klagen auf sehr hohem Niveau.

Wird zu viel getalkt im deutschen Fernsehen?

Wickert: Die Zuschauer wollen das ja, also kann es nicht zu viel sein.

Auf Ihrer Webseite zitieren Sie Umfragen, wonach die Deutschen Sie zum Vizekanzler wählen und viele Frauen gern mit Ihnen ausgehen würden. Sind Sie eigentlich eitel?

Wickert: Ich halte mich für ziemlich uneitel. Ich weiß, die Leute meinen nicht mich, sondern das Bild, das sie von mir haben. Das sind nur Ausschnitte von mir, das bin ich nicht.

Ulrich Wickert: Das achte Paradies. Piper, 336 S., 19,95 Euro.

Lesung am 30.9., 20 Uhr, Sparda-Bank, Friedrich-Ebert-Straße 4, Kassel. Anmeldungen (bis 28.9.): Telefon 069/75370.

www.sparda-hessen.de/erzaehlfestival.php

Zur Person

Der 67-Jährige, als Sohn des Diplomaten und Autors Erwin Wickert in Tokio geboren, ist Jurist. Er war Leiter der ARD-Studios in Washington und Paris, moderierte 15 Jahre die „Tagesthemen“ und schrieb Bestseller wie „Frankreich. Eine wunderbare Illusion“ und „Der Ehrliche ist der Dumme“. Er moderiert „Wickerts Bücher“ im NDR-Hörfunk. Der Vater einer Tochter ist zum dritten Mal verheiratet. Er lebt in Hamburg und Südfrankreich.

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