Ulrike Almut Sandig trug märchenhafte Gedichte in Text und Ton vor

Auch Mitglied der Schriftstellervereinigung PEN: Ulrike Almut Sandig stellte in der Grimmwelt ihren Gedichtband „Ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt“ vor. Foto: Lischper

Kassel. Die preisgekrönte Dichterin Ulrike Almut Sandig war am Dienstagabend in der Kasseler Grimmwelt zu Gast. Im Foyer des Museums trug sie Texte vor, die sich größtenteils auf die Märchen und Sagen der Brüder Grimm bezogen.

Obwohl der Veranstaltungsort nicht passender gewählt sein konnte, fanden an diesem Abend lediglich neun Besucher den Weg dorthin.

Wer dabei war, bekam einen tiefen Einblick in die Arbeit einer talentierten Sprachkünstlerin. Im der Lesung vorangestellten Gespräch mit Malte Kleinjung wurde das Publikum vorbereitet auf einen unterhaltsamen Abend, in dem es um die Wirkung des gesprochenen Wortes und die Welt der Märchen ging. Kleinjung vertrat das Hessische Literaturforum Frankfurt, Veranstalter der Reihe Wortklang, die von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen unterstützt wird.

Ziel: Kunst an Mann bringen

Sandig, Jahrgang 1979 und in einem 500-Seelen-Dorf bei Riesa aufgewachsen, hat schon zu Studentenzeiten versucht, Kunst an den Mann zu bringen. Sei es, indem sie Zettel mit Gedichten in der Stadt verteilte, bis die Stadtreiniger diese wenig später wieder wegräumten, oder indem sie mit eigenwilligen Formaten gegen die klassische Wasserglaslesung rebellierte.

Von einer klischeehaft üblichen Lesung war ihr Auftritt in der Grimmwelt weit entfernt: Statt ihre lyrischen Texte einfach vorzutragen, setzte die Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig auf die Kombination von Text und Musik - gemäß dem Motto der Veranstaltungsreihe, bei der es um den Klang der Worte geht. Die Gedichte stammten allesamt aus dem Band mit dem unglaublich langen Titel „Ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt“ (Schöffling Verlag).

Teils unterlegt mit Collagen aus Geräuschen und Musik von Sebastian Reuter, der auch ihr Lebensgefährte ist, wurden die Texte während des Auftritts zu kurzen in sich abgeschlossenen Hörstücken, die sich größtenteils auf Märchen und Sagen der Brüder Grimm bezogen. So nahm Sandig das Publikum mit in die Welt von Schneeweißchen und Rosenrot, Hans im Glück sowie zum Wolf und den sieben Geißlein.

Statt die Märchen nachzuerzählen, sollten ihre Texte die Stimmung transportieren, die sie selbst bei deren Lektüre empfand. So wie etwa bei „Fitchers Vogel“: Der Grimm-Text handelt von drei Schwestern, die von einem Zauberer entführt werden. Nur eine der Drei entkommt, weil der Magier sie, gehüllt in Teer und Federn, nicht erkennt. Der Text der Autorin, in Sprache und Gesang vorgetragen, lehnte sich daran an - allerdings in so freier Form, dass die Kenntnis der Ursprungsquelle für den Genuss ihrer eigenen Texte verzichtbar war.

Auffällig war bei diesem Text, wie auch bei den anderen, ihre bildreiche Sprache und ihr kreativer Umgang mit Metaphern, denen sie sich mit Sprachwitz und Ironie widmet. So wurde „Fitchers Vogel“ zu einem komischen Vogel, Rosenrot litt unter Sonnenallergie und Hans im Glück wurde aus der Perspektive einer Frau erzählt.

Die Musik wurde mal rhythmisch, mal sphärisch, und mal mit Originaltondokumenten versetzt - wie in „wir werden DNA-Stränge sein“, einem Text, der ausnahmsweise keine Grimm-Referenz aufweist und auf rechtes Solidaritätsgefühl anspielt. Stimmlich spielte sie mit Höhen und Tiefen, trug die Texte lautsprachlich vor. So wurde aus „Hans im Glück“ ein Stück, in der die Sprecherin behauptet, es fehle ihr an nichts - deren Wörter aber, während sie das sagt, einzelne Buchstaben verlieren: „Es fehlt mir a nichts. Das i mein Han, das i mein Arm, das i mein Aug“. Es sei „a“ noch da seit Hans nicht mehr da ist.

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