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„Next to Normal“: Jubel für eindringlichen Musical-Abend

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Von: Bettina Fraschke

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Wabenstruktur: Ensemble und Bühnenbild beim Musical „Next to Normal“ im Kasseler Opernhaus.
Wabenstruktur: Ensemble und Bühnenbild bei „Next to Normal“. © Thomas Müller

Das Staatstheater hat für „Next to Normal“ viele Musical-Stars engagiert und löst die Aufgabe, im Unterhaltungsformat von psychischer Erkrankung zu erzählen, aufs Souveränste.

Kassel – Pausenbrote werden zu Seismografen des Unglücks. Diana pflastert den Küchenboden damit, kann nicht aufhören, immer mehr Toastscheiben zu belegen. Wenn Familie Goodman in den Tag startet, sieht mit den mechanisch angeknipsten Morgenlächeln und den Aktentaschen vordergründig alles normal aus, aber die Sandwichmengen weisen darauf hin, dass hier jemand die Kontrolle verliert. Von einem Leben neben dem Normalen, „Next to Normal“ erzählt das gleichnamige Musical von Kitt/Yorkey, das am Freitagabend im vollen Kasseler Opernhaus mit minutenlangem Jubel gefeiert wurde.

Mit einer exzellenten Besetzung, großartiger Band (Leitung: Peter Schedding), genialem Bühnenbild (Brigitte Schima) und transparentem Sound (Rolf Dressler) wurde der Abend zu einem ergreifenden Ereignis, das mit Musical-Schwulst von der Stange wenig zu tun hat.

Regisseur Philipp Rosendahl holt die Geschichte der Goodmans, die an einem familiären Trauma fast zerbrechen, ganz nah ans Publikum heran, inszeniert die Traurigkeit und den Versuch jedes Einzelnen, seinen Alltag auf die Reihe zu bekommen und noch ein kleines Stück von Glück zu ergattern, mit großer Wahrhaftigkeit. Natürlich im Format des Musicals, das immer auch Leichtigkeit, Schwung und einfache Reime bereithält.

Peter Schedding arbeitet im Orchestergraben die emotionalen Temperaturschwankungen dieses abwechslungsreichen, aber musikalisch jetzt auch nicht neue Maßstäbe setzenden Musicals heraus. Von Dreivierteltakt bis Rockballade, von jazzigen Synkopen bis mozarteske Klavierträumerei ist alles dabei.

Musical „Next to Normal“: Tolles Bühnenbild

Brigitte Schima (auch Kostüme) hat eine meterhohe Wabenstruktur auf die Bühne gestellt, jedes Familienmitglied ist ganz für sich, über Leitern und Klappen kann man einander näher kommen. Ein bisschen. Nicht sehr. Ein überzeugendes Bild, das zugleich die Anstrengungen deutlich macht, die so ein Familienalltag birgt – nicht nur, weil Mutter Diana (Aisata Blackman) eine bipolare Störung hat, Ausfälle zwischen Apathie und überschießender Energie – Stichwort Pausenbrot. Tochter Natalie (Judith Caspari) fühlt sich übersehen, Ehemann Dan (Alexander di Capri) will voller Liebe seiner Frau helfen, Fachleute würden aber vielleicht auch Co-Abhängigkeit feststellen bei seiner leicht übergriffigen Art, sie zu immer neuen Therapeuten zu bugsieren. Doch was ist der Preis? Diana will nicht runtergepegelt werden. Sie weiß: Wenn mir nicht mehr kalt ist, kann ich auch nicht brennen. In einer bewegenden Befreiungsaktion wirft sie packungsweise Tabletten weg, die ihr Dr. Fine (Andreas Wolfram) verpasst hatte. Ein Schneegestöber aus Pillen. Endlich wieder fühlen.

Musical „Next to Normal“: Überzeugende Darsteller

Und dann ist da noch Sohn Gabriel (Philipp Büttner) mit Blitzornamenten auf der Hose und voluminösen Sneakern. Er scheint Diana nah zu stehen, giert um Aufmerksamkeit. Der Moment, wo das Publikum begreift, dass Gabriel schon lang tot ist, als Baby gestorben, verändert den Blick auf diese nebennormale Familie noch einmal.

Alexander di Capri rückt mit seinem dunkelgoldenen Tenor immer mehr ins Zentrum des Geschehens, je mehr sein Dan sich erlaubt, der Trauer um den Sohn Raum zu geben.

Andreas Wolfram macht aus den beiden Arztrollen witzige, überdrehte Miniaturen zwischen selbstgefälligem Atem-Guru und dämonischem Dr. Frankenstein.

Im zweiten Teil sind die Waben weg, in der daraufhin fast unheimlichen Leere der Bühne müssen die Figuren ihre Nähe ganz neu ausloten. Hier inszeniert Rosendahl mit dem sehr detailgenau arbeitenden Choreografen Constantin Hochkeppel tolle Parallelen, wenn Natalie in derselben Weise vor Nähe zurückzuckt, wie ihre Mutter.

Judith Caspari singt die Tochter jugendlich-frisch, stimmlich sehr souverän, mit darstellerischer Verve. An ihrer Seite: der wunderbare Timothy Roller als Verehrer Henry, der klangschön Signale der Hoffnung setzt („Durchdrehen ist wichtig“).

Philipp Büttner ist ein ungestümer Gabriel, der das Irrlichternde des ungelebten Lebens ebenso überzeugend auszudrücken weiß wie die pure Verzweiflung seiner Mutter, deren Gefühle er stellvertretend ausagiert.

Aisata Blackman wird zum Zentrum des Abends, weil sie zeigt, dass ihre Diana nicht viel anders ist, als die Durchschnittshausfrau. Zugleich arbeitet sie die Absurdität mancher Situation ebenso heraus wie die tieftraurige Tragik. Sie lässt ihren charismatischen Mezzosopran besonders dann strahlen, wenn Diana Klarheit erlebt und spürt, dass sie ihr Leben nach ihrem inneren Kompass steuern kann.

Mehr Infos zum Musical gibt es auf der Seite des Staatstheaters. Mehr über Judith Caspari finden Sie auf ihrem Instagram-Account

Wir sprachen vorab mit den Darstellern und dem Regisseur

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