Das kommt nicht wieder?

Umjubelte Uraufführung am Kasseler Schauspielhaus: „Mephisto“ von Thomas Jonigk

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Irre Begegnung: Sandro Šutalo (Der Tod, links) und Bernd Hölscher (Gustaf Gründgens). 

Der Tod ist eine verruchte Diva, ein androgynes Monster der Macht mit irrsinnigem Sex-Appeal: feist, lieblich, homosexuell, gerissen. Eine Schlange der Verführung von der sich Gustaf Gründgens gründlich einen blasen lässt. Ein Sündenfall ist diese bizarre Vermählung mit der Sündenschlange. Wenn’s denn der Karriere dient, bitte sehr!

Vorhang auf für Bernd Hölscher als Gründgens und Sandro Šutalo, der diesen Tod und Teufel mit Wucht und Verve, irrer Erotik und gieriger Lust spielt: das Gesicht weiß geschminkt und mit roten Lippen wie einst Gründgens in seiner Paraderolle als „Mephisto“ im „Faust“. Tänzelt in High Heels, schwarzem Spitzenhemd und Push-up-Korsage über die Bühne, wiegt die Hüften, wirft lüsterne Blicke in die Runde und leckt sich die glänzenden Lippen. Dieser Teufel ähnelt schon äußerlich dem echten Hermann Göring, der Gründgens bis zum Ende des Dritten Reichs protegierte. Wobei Stephan Schäfer hier eher an den schmächtigen Goebbels erinnert, wenn auch mit mehr Schneid und dämonischer Ironie. Rahel Weiss spielt Gattin Emmy Sonnemann famos als dümmlich-eitle Provinzaktrice.

Gründgens heißt hier Gründgens. In Klaus Manns Roman „Mephisto“ von 1936 hieß er noch, wenn auch für alle erkennbar, Hendrik Höfgen. Thomas Jonigk bearbeitete den Stoff sehr frei und brachte ihn am Freitag mit herausragendem, siebenköpfigen Ensemble im Kasseler Schauspielhaus zur Uraufführung. Jonigk entschlüsselt die wichtigsten Romanfiguren und verortet sie in der Nazi-Zeit, wo sie zweifellos hingehören, ohne jedoch ein buchstäbliches historisches Drama daraus zu machen: Sein „Mephisto“ ist, nicht zuletzt durch die Einführung des schrillen Tods, eine Revue, burleskes Schauspiel und wilde Groteske in angemessen sparsamer Kulisse (Bühne und Kostüme Ric Schachtebeck). Manchmal, zum Glück nur beiläufig, ist es auch Erklärtheater, etwa wenn Erika Mann (Alexandra Lukas) doziert, dass die Nazis gemeine Verbrecher seien.

Klaus Mann wollte Typen gestalten, keine Porträts. Jonigk gestaltet nach wie vor mögliche Typen, auch wenn er die Hauptpersonen nun beim Namen nennt. Hölscher spielt Gründgens mit Inbrunst und Hingabe. Schon den Monolog vor dem Vorhang macht er zu einem tief emotionalen Ereignis. Gründgens, der Verzweifelte, Haderer und zerknirschte Zuschauer des eigenen Lebens. Er ist hin- und hergerissen zwischen Anpassung an das süße Leben im Nazi-Establishment und schlechtem Gewissen gegenüber alten Gefährten wie Otto Ulrichs (Artur Spannagel) oder dem früh überzeugten und dann enttäuschten Jung-Nazi Hans Miklas (Marius Bistritzky), die später beide vom Terror zermahlen werden.

Der Schauspieler-Intendant schaut zurück auf sein verkorkstes Leben, auf die Zeit des revolutionären linken Theaters und den rücksichtslosen Aufstieg durch Anbiederung und Schleimerei: ein weinerliches Würstchen, fieser Choleriker, Feigling und Schwätzer, mondäner Lebemann und charmanter Freund. Alles Rollen, alles nur Theater, das ganze Leben nur ein Spiel: „Seine Falschheit ist seine Echtheit“, heißt es einmal. „Das gibt’s nur einmal – das kommt nicht wieder“, singt der dralle Tod und hüllt sich in seine Hakenkreuzfahne. Wirklich nicht? Starkes Symbol zum Schluss: Gründgens faltet die Fahne sehr adrett und sorgfältig zusammen und verschließt sie im Schrank. Daraus kann sie immer wieder hervorgeholt werden. Die Geschichte könnte sich wiederholen. Vielleicht sind wir schon mittendrin. Langanhaltender Applaus für eine ungewöhnliche Inszenierung.

Für die Mozart-Oper "Idomeneo" verwandeln sich die Kasseler Darsteller in Kriegsversehrte. Die Kostüme mit dem kaputten Look sind umstritten und bringen die Kasseler Sänger ganz schön ins Schwitzen.

Karten: 0561-1094-222.

Von Andreas Gebhardt

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