Umjubeltes Sinfoniekonzert

Elmar Lampsons Violinkonzert als Uraufführung und Mahlers siebte Sinfonie

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Völlige Verausgabung: Geiger Afonso Fesch bei der Uraufführung des ihm gewidmeten Violinkonzerts von Elmar Lampson.

Kassel. Das Sinfoniekonzert in der ausverkauften Kasseler Stadthalle war ein voller Erfolg. In seiner Einführung wies der Komponist Elmar Lampson (62) selbst darauf hin, an welch gewaltigen Vorgängerwerken sich heute der Komponist eines Violinkonzerts messen lassen muss.

Lampson hat es dennoch gewagt und ein Konzert geschrieben, das er zwei Musikern widmete: Dem Dirigenten und Kasseler Ersten Kapellmeister Yoel Gamzou (27) und dem jungen portugiesischen Geiger Afono Fesch (25). Im Sinfoniekonzert des Kasseler Staatsorchesters führten sie das Werk auf - und ernteten damit viel Beifall in der ausverkauften Stadthalle.

Ein kurzer Moment des Chaos zu Beginn klärt sich sofort und macht einem Klang von unerhörter Reinheit Platz. Darauf baut die Solovioline ihr Thema auf, das lediglich aus der Umspielung eines Tones und einem großen Intervall, der None, besteht. Aus dieser Keimzelle entwickelt Lampson sein gut halbstündiges Konzert, das insbesondere die Qualitäten des Geigers aufs Schönste zur Geltung bringt: seinen fein glänzenden Ton, seine sprechende Artikulation, sein makellos virtuoses Spiel.

Oft sind es lang gehaltene Akkordflächen des Orchesters, über denen die Geige ihre thematischen Motive spinnt. Lampson erweist sich auch in diesem Werk als Meister der Klänge: Unglaublich, welche Farben er Afonso Fesch auf seiner Geige finden lässt, und nicht weniger staunenswert, welche Farbschattierungen er dem Orchester in die Partitur schreibt. Wie sich der Solist dabei durch die Verwandlungen des Themas arbeitet, erinnert manchmal an minimalistische Techniken. Gelegentlich beunruhigen tiefe Störklänge aus dem Orchester, das auch eine Phase aufgewühlten Musizierens ohne Solisten durchmacht, ehe der Solist in eine ausgedehnte Kadenz eintritt.

Wie ein Schock, eigentlich wie ein Zuckerschock wirkt der Schlussteil des Konzerts, in dem ein stark an Brahms erinnerndes Dur-Thema durch viele Tonarten wandert und eine Süße verbreitet, von der die Musik schier nicht mehr lassen möchte, ehe das Stück doch zum Urmotiv zurückkehrt und leise ausklingt.

Laut war der Jubel für den Solisten, das Orchester, den Dirigenten und natürlich für den Komponisten, dessen Wagemut sich jedenfalls gelohnt hat.

Einen biografischen Anlass hatte Yoel Gamzou, an seinem 27. Geburtstag Gustav Mahlers siebte Sinfonie zu dirigieren: Genau 20 Jahre zuvor hatte seine Mahler-Begeisterung mit einer Aufnahme der Siebten begonnen, die er zum siebten Geburtstag geschenkt bekam.

Dass sich Gamzou und das Staatsorchester mit vollem Risiko auf das eineinhalbstündige Werk stürzten, war toll zu erleben, allerdings ging es nicht ganz ohne Verluste ab. Sensationell die auf die Spitze getriebene Schärfe und Klarheit des Ausdrucks, das Ausleben der Kontraste im sperrigen ersten Satz, eindringlich die Natur-idyllen des zweiten. Das verhuschte Scherzo peitschte Gamzou allerdings ohne Rücksicht auf Verluste durch, und auch dem vierten Satz hätte man mehr Ruhe gewünscht. Das brachiale Finale allerdings sollte man niemals anders spielen, als Gamzou und das Staatsorchester es taten: mit Vollgas, laut, schrill und alle Grenzen sprengend.

Jubel nach einen Konzert wie ein langer Schleudergang.

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