Umwerfender Humor: Die Blockflöte des Todes im Schlachthof

Songwriter der grotesken Texte: Matthias Schrei überzeugte mit witzigen Reimen und nackten Tatsachen. Foto: Gebhardt

Kassel. Auf einen Refrain ist die „Blockflöte des Todes“ alias Matthias Schrei besonders stolz: „Ich bin ganz müdien, denn ich hab’ Konidien“. Es geht um einen Jungen, der in der Disco ein Mädchen zum Tanzen auffordert und eine schräge Abfuhr bekommt.

Konidien? Pilze, vulgo: eine Geschlechtskrankheit. Aber die Blockflöte kann auch auf andere Refrains stolz sein: „Ich dachte, in der Regel hättest du kein PMS“. Oder „Ich spüre beim Sex deinen Body Mass Index“ - ein Lied über eine dicke Freundin, die ihn leider verlassen hat. So viel grotesker Humor ist selten im deutschen Liedgut.

Matthias Schrei kam am Freitagabend mit seiner Gitarre ins Kulturzentrum Schlachthof und wurde zunächst die Geister, die er rief, nicht mehr los. Mit dem Mann an Mischpult und Lichtmaschine war offenbar vereinbart, als Running Gag die Bühne in Stroboskopgeflacker zu tauchen. Um peinliche Pausen zu überbrücken? Jedenfalls flackerte es viel zu oft, und der Entertainer, der das Rauchen erlaubte, wenn auch nur auf der Bühne, fand das sichtlich nicht mehr witzig.

Schrei erzählt und singt von „Mutti“, von Masturbationsexzessen, gescheiterten Liebschaften wegen einer Haarallergie und versemmelten Selbstmordversuchen, weshalb er einen Volkshochschulkurs in Suizid belegt. Als er für Sekundenbruchteile seine Beinprothese zeigt, wird klar: Der besingt wirklich sein Elend.

Mücken zerdrücken

Die Souveränität des Berufszynikers ist augenblicklich perdu, und er tut einem irgendwie auch Leid. Er sollte die Prothese unter dem Hosenbein lassen. Sie tut nichts zur Sache. Immerhin jubelt er im darauffolgenden Song: „Jetzt kann ich Mücken zerdrücken mit meinen Krücken“.

Es gibt drei Zugaben, eine mit Gitarre, eine Schmachtnummer mit Band vom iPod, weil er Konzerte mit Gitarre langweilig findet, und eine mit einem zum Mikrofon umgebauten DDR-Elektrostabfön. Umwerfend.

Von Andreas Gebhardt

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.