Sonnenfinsternis über Oberhausen: Ausstellung zum Blick der Künstler auf die Schwerindustrie

Unbändige Kraft des Feuers

Die Menschen sind ganz klein: Joseph-Fortuné Layrauds Gemälde zeigt die Schwerindustrie im französischen Saint-Chamond. Foto: RIM/nh

Oberhausen. Eine Kampfansage in Öl: Das monumentale Triptychon des belgischen Künstlers Henry Luyten zeigt wütende Arbeiter mit einer roten Fahne im Zentrum. Auf den Flügeln sind eine frierende Mutter mit ihren Kindern zu sehen sowie ein Soldat vor einer Reihe Toter. Die Aufteilung des 40 Quadratmeter großen Gemäldes legt nahe, dass eine Exekution der Aufständischen stattgefunden haben könnte.

Das imposante Werk ist Blickfang einer ambitionierten Ausstellung, die sich einem kaum beachteten Thema der Kunst widmet: der Industriemalerei. Im Programm der Kulturhauptstadt Ruhr 2010, dem früheren „Land der 1000 Feuer“, entführt das Rheinische Industriemuseum (RIM) in Oberhausen in mehrere „Feuerländer“. Unter diesem Titel hat die Ausstellung 200 Bilder aufgeboten, in denen sich die Künstler - und wenige Künstlerinnen - mit der Entwicklung von Bergbau, Eisen- und Stahlindustrie in den letzten 200 Jahren beschäftigt haben.

Der Schein des Feuers ist so etwas wie der rote Faden der Schau, die ihren Blick in zehn Regionen mit industriegeschichtlicher Vergangenheit richtet - vom englischen Ironbridge über die Wallonie bis Sardinien, von Oberschlesien bis Pittsburgh, dem Ruhrgebiet der USA. Die unbändige Kraft des Feuers - einmal schlägt sie Funken als Heilsbringer einer besseren Welt, dann lodert sie bedrohlich ungezügelt. Ihrem Bann können sich auch zeitgenössische Künstler wie Klaus Ritterbusch nicht entziehen, in dessen glutroten Werken die Hitze gespeichert zu sein scheint.

Dem Blick in die Produktionsstätten, die Ansichten von Abstichen, Stahlgüssen und auch der Waffenproduktion stehen Darstellungen der Arbeiter gegenüber - heroisch verklärt, für ihre Rechte kämpfend oder gezeichnet vom Leid. Doch die Idealisierung wie der utopische Gestus mancher Szenarien werden oft als leeres Versprechen entlarvt. „Zeit der Technik“ nannte Max Schulze-Sölde 1925 sein bedrohlich anmutendes Szenario, in dem er ein menschenleeres, von Eisenbahntrassen durchzogenes und von Hochöfen und Schloten erdrücktes Wohnquartier darstellt. Optimistisch dagegen die Grundstimmung in Willi Sittes rot leuchtender „Sonnenfinsternis über Oberhausen“ von 1984. Hier demonstriert eine Gruppe Streikender Kampfbereitschaft.

Nicht alle Künstler bezogen Stellung. In freundliches Licht taucht Ernst Ludwig Kirchner seine bunten „Chemnitzer Fabriken“, und Friedrich G. Einhoff zeigt ein Fußballspiel auf Schalke vor Gasometer-Kulisse.

Insgesamt waren nicht viele Künstler Feuer und Flamme für die Thematik. Industriemalerei ist stets ein Sonderweg gewesen, der zudem selten parallel zur Entwicklung in der Kunst verlief. Conrad Felixmüllers expressiver „Kohlenbergarbeiter“ oder Heinrich Hoerles kühl-sachliche „Fabriklandschaft“ aus den 20er-Jahren sind Ausnahmen. Die zeitgenössischen Werke scheinen in ihrer ästhetischen wie inhaltlichen Ratlosigkeit einen Endpunkt zu markieren.

Von Ulrich Traub

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