Das Junge Theater in Göttingen bringt Swetlana Alexijewitschs „Tschernobyl-Monologe“ auf die Bühne

Unbedingt festhalten am Alltag

Zurückgelassene Gegenstände: Katharina Brehl (hinten), Agnes Giese und Karsten Zinser auf der Bühne des JT. Foto: Heise

Göttingen. Eine Wohnungstür kann zum Erinnerungsspeicher für eine ganze Familiengeschichte werden. Das Größerwerden der Kinder ist darauf eingeritzt. Die Leiche des Vaters wurde darauf aufgebahrt, bis der Sarg geliefert wurde. Die Tür muss also mit, erzählt ein Mann aus Tschernobyl, auch wenn man wegen der immensen Strahlung die Heimat verlassen muss. Und auch unter den Requisiten des Theaterabends „Tschernobyl - Eine Chronik der Zukunft“ am Jungen Theater in Göttingen befindet sich natürlich eine Wohnungstür.

Am Freitagabend feierte ein berührender Theaterabend vor nicht ganz ausverkauftem Haus Premiere, der auf Texten der weißrussischen Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch basiert. Peer Ripberger hat das Stück nach den von ihr recherchierten und aufgezeichneten Monologen von Menschen aus Tschernobyl und dem weiteren Umfeld der Atomkatastrophe vor genau 30 Jahren inszeniert und ausgestattet.

Zuallererst feiert der Abend die außerordentliche Qualität der Texte, die wundervoll zugespitzt und ausformuliert sind, ohne ihre Unmittelbarkeit, ihren dokumentarischen Charakter zu verlieren. Die in Alltagsgarderobe gekleideten Darsteller Katharina Brehl, Agnes Giese, Jan Reinartz, Peter Christoph Scholz und Karsten Zinser lesen die klug zusammengestellten Monologe abwechselnd hinter einer weißen Bühnenrückwand aus dem Off. Während die einen lesen, posieren vorn die anderen zu wortlosen Alltagsszenen: Kartoffeln schälen, Wäschekorb tragen, rauchen, gärtnern in frischer Erde. Die Inszenierung setzt auf die pure Kraft der Sprache, szenisches Spiel gibt es nicht.

Erzählt wird vom Versuch, das Unbegreifbare zu begreifen. Schreckliche Entstellungen bei Neugeborenen, Kamikaze-Einsätze von Militär und Feuerwehr im Reaktor, heftige Krebsfälle, Anleitungen zum Umgang mit Lebensmitteln nach dem GAU. Und die Beharrungskraft der Menschen, deren starkes Bedürfnis es ist, angesichts der Katastrophe irgendwie in ihrem Alltag weiterzuleben. Wenn nichts anderes zu essen da ist, müssen weiterhin die kontaminierte Milch der eigenen Kuh, die verstrahlten Mohrrüben aus dem Garten verzehrt werden.

Zwischendurch gibt es mehrfach Lichtwechsel, treten die Schauspieler an die Rampe heran, und sprechen direkt zum Publikum. Ihre Fragen, ihre Einwürfe ziehen die Thematik in die Gegenwart: Wie viel Atomstrom kursiert im Göttinger Netz? Warum kann eine Nation Xavier Naidoo beim Eurovision Song Contest verhindern, nimmt aber keine Haltung ein, wenn es um Atommüllentsorgung geht?

Bei persönlichen Statements, wenn die Grenzen zwischen Bühnenfigur und Privatperson verschwimmen, herrscht eine gewisse Peinlichkeitsgefahr. Die wird aber vom Ensemble souverän gebannt. Man fordert engagiert eine neue Bürgerbewegung, bleibt dabei aber zugleich so authentisch und zurückhaltend, dass kein wohlfeiler Agitprop-Kitsch entsteht.

Und in den wortlosen Momenten hört man das Ticken eines Geigerzählers.

Wieder 26.4., 3., 18.5., Karten: 0551-495015.

Von Bettina Fraschke

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