Truman Capotes „Frühstück bei Tiffany“ wird am Kasseler Schauspielhaus ein opulenter Bilderbogen

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Begegnung: Christian Ehrich (von links, wie die anderen Männer als Truman Capote), Michaela Klamminger (Holly Golightly), Artur Spannagel , Jürgen Wink, Lukas Umlauft, Enrique Keil und Bernd Hölscher. Foto: Klinger

Kassel. Am Ende steht Holly Golightly im blutigen Krankenhaushemd da – der verschmierte Lippenstift lässt ihren Mund wie eine Fratze wirken. Sie wirft ihren Leopardenmantel über den Kittel und versucht, die Contenance zu wahren. Haltung ist alles. Auch wenn sie bis zur Starrköpfigkeit getrieben wird.

Truman Capotes Roman „Frühstück bei Tiffany“ ist das große Porträt einer Frau, die dem Leben gegen alle Widrigkeiten ihre Portion Glück abpressen will. Die das mit mehr und mehr Männern versucht und sich dafür als Partygirl und Liebhaberin immer neu erfindet. Und doch der Einsamkeit nicht entgeht. Am Freitag wurde die Premiere im Kasseler Schauspielhaus mit viel Beifall aufgenommen.

Michaela Klamminger überzeugt als ebenso elegante wie tief unglückliche Holly, die auf einem überdimensionalen Chanel-Lippenstift reitend auf die Bühne gefahren wird.

Regisseurin Anna Bergmann baut mit der Bühnenfassung von Richard Greenberg einen Bilderbogen, der die Süßlichkeit des berühmten Films neutralisieren will, durch die Mechanik einer Versuchsanordnung aber insgesamt recht abstrakt bleibt. Was da gerade inhaltlich stattfindet und welche Typen daran beteiligt sind, ist nicht jederzeit leicht nachzuvollziehen.

Das inhaltliche Geschehen oder eine differenzierte Figurenzeichnung werden hier oft weniger wichtig genommen gegenüber dem Auffächern des grundlegenden Antriebs der Heldin und ihrer Begleiter. Die künstlerische Form steht im Vordergrund, daran wurde mit Akribie und spürbarer Sorgfalt gearbeitet.

Mit wundervoller Opulenz geht es los: Männer sitzen auf der Vorbühne in Ledersesseln, mixen sich Drinks, rauchen. Elegante Anzüge, Hüte, zweifarbige Schuhe: Christian Ehrich, Jürgen Wink, Enrique Keil, Lukas Umlauft, Artur Spannagel und Bernd Hölscher sind alle Truman Capote, und fragen sich, wohin Holly verschwunden ist.

Auf ihrer Erkundung, die im Folgenden auf der eigentlichen Bühne stattfindet, werden sie zu jenen Herren, mit denen sich das Glamourgirl umgibt. Das Männerensemble kann in Dandyposen und später als Dragqueens in Pailettenfummel und Federschmuck groß aufspielen (Bühne: Florian Etti, Kostüme: Claudia González Espíndola). Marotten, wie Capotes Stimmklang im Englischen nachzuahmen, wären aber komplett verzichtbar. Hagen Bähr ist mit einer umwerfenden Grandezza Hollys Freundin Mag, Christian Ehrich wird melancholischer Erzähler und Hollys Kumpel Fred.

Heiko Schnurpels grandiose Klangwelten zwischen Club und Oper sowie toller Gesang (Hagen Bähr!) und Tanz der Darsteller (Choreografie: Krystyna Obermaier) gehören zu den Höhepunkten. Auch hier überzeugen viele liebevoll ausgefummelte Details. Wenn etwa aus dem nostalgischen Radio der berühmte Filmsong „Moon River“ erklingt. Wenn Marius Bistritzky mit Glitzersakko und Katzenkopf als Kater – elegant, obwohl von Straßenkämpfen gezeichnet – zu Hollys Alter Ego wird.

Für ein optisches Experiment kann das Publikum 3D-Brillen aufsetzen. Manchmal sieht man eben mehr, wenn die Perspektiven leicht verrücken.

Wieder am 22., 31.12., Karten: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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