Die Sprachkunstreihe 3durch3 macht digitale Poesie zum Thema

Ungemütliches Lesen

Sprachkunst trifft Musik: (von links) Bas Böttcher, Philippe Bootz, René Bauer und Katarina Malzew. Foto: Fischer

Kassel. Er bezeichnet sich selbst als reisenden Dichter, auf vielen Wegen unterwegs. „Von wegen“, sagt Bas Böttcher, Champion im Poetry Slam, und führt mit sprachlicher Virtuosität und rhythmischer Wortakrobatik hinein in Kopf-Loopings und das Babylon des Medienzeitalters.

Von wegen auf der Strecke bleiben, von wegen immer auf dem Damm sein?Böttchers Performance in der Sprachkunstreihe 3durch3 im Kunsttempel ist gespickt mit Hintersinn, Doppeldeutigkeit (google mal Babylon, babel mal googleon) und vor allem der Lust an Klang und Dynamik. Beats, die sich in Worte verwandeln, Worte als Drive. Kein Wunder, dass die Texte des 38-Jährigen sogar schon in Schulbüchern zu finden sind.

Bas Böttcher bereichert auch die digitale Poesie, die am Donnerstagabend im Mittelpunkt der Sprachkunst-Veranstaltung stand, wie immer von ihrem Regisseur Friedrich W. Block kunstvoll eingeführt. Aus Zürich war René Bauer gekommen, Mitglied der Kunstgruppe and-or.ch, der in Zusammenarbeit mit dem Netzkünstler Johannes Auer die sogenannten „search songs“ entwickelte: Die Buchstaben der in Suchmaschinen wie Google eingegebenen Begriffe und Worte werden in Noten umgewandelt.

An diesem Abend ist es die Cellistin Katarina Malzew vom Kasseler Staatsorchester, die die als Endlos-Stream vorbeifließenden Wort-Eingaben, von Christian Wulff bis Augenlidstraffung, von Alzheimer bis Wellness-Urlaub, zu einem Klangerlebnis gestaltet.

Und noch einmal digitale Poesie in ihrer ungewöhnlichsten Form: Philippe Bootz aus Frankreich zählt zu den Wegbereitern der Computer-Poesie. In seinem Vortrag klärt er sein Publikum im Kunsttempel über das „ungemütliche Lesen“ per Computer auf, sein Konzept „la lecture interdit la lecture“ (die Lektüre verbietet die Lektüre): Je nachdem wie Bootz mit den interaktiven Stellen des Sehtextes umgeht, verändert sich dabei der Hörtext. Hier bestimmt der Leser Dauer und Verständlichkeit des Textes - und versteht doch kaum das Geheimnis der zugrunde liegenden Struktur.

Von Juliane Sattler

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