Ungezügelte Energie: Bassist Stanley Clarke im Kasseler Kulturzelt

„Alter Hase“ ganz jung: Bass-Virtuose Stanley Clarke versetzte das Publikum im Kulturzelt in Begeisterung. Foto: Fischer

Kassel. Beginnen wir mit dem Schluss: Der letzte Basston war kaum verklungen, da gab’s schon Standing Ovations für ein Jazz-Konzert, das es in sich hatte.

Die Zugabe führte dann noch einmal fast an den Anfang, und von dort geradewegs zurück in die Zukunft. Mit „School Days“, dem knalligen Opener seiner gleichnamigen Solo-Scheibe von 1976, verabschiedete sich Stanley Clarke mit seiner Band am Montag im Kulturzelt vom Publikum.

Die „alten Hasen“ zu erleben, ist ja oft zwiespältig. Man schwelgt einerseits in der Vergangenheit, und zugleich will man keinen bloßen Aufguss des tausendfach Gehörten. Al Di Meola war so eine Enttäuschung beim Kulturzelt 2014: Flashback und Langeweile.

Anders Stanley Clarke. Was macht er? Er umgibt sich mit jungen Musikern, die vom Alter her fast seine Enkel sein könnten. Pianist Beka Gochiashvili ist gerade mal 19 und spielt, als wollte er mit seiner Impulsivität, seinem Einfallsreichtum, seiner technischen Finesse und Energie McCoy Tyner und Cecil Taylor vom Sockel stoßen. Schlagzeuger Michael Mitchel ist wenig älter und hat den Druck und die Präzision Billy Cobhams und Tony Williams’. Keyboarder Cameron Graves sorgt für einen 70er-Jahre-Jazz-Rock-Sound, aber das hemmungslos locker und mit ehrlicher Hingabe.

Und dann Stanley Clarke, der übergroße Bass-Virtuose: Betritt mit einer schwarzen Sonnenbrille die Bühne, blickt ins dunkle Auditorium und sagt: „Nice to see you!“ Das ist witzig. Ihm zuzuhören, ihn zu sehen, wie er E- und vor allem den Kontrabass bearbeitet, wie er seine Instrumente streichelt, sanft knetet, traktiert, manchmal prügelt, mit virtuoser Lässigkeit und unfasslicher Geschwindigkeit aus dem Handgelenk heraus oder gar mit dem Handrücken - das ist ein unvergleichliches Erlebnis.

Dabei ist Clarke keine Rampensau, lässt seinen Mitstreitern Raum zur Entfaltung, indem alle vollkommen gleichberechtigt miteinander kommunizieren. Die ungezügelte Energie verwandelt sich in ansteckende Begeisterung, die sich in wiederholtem Szenenapplaus äußert. Mehr kann man nicht erwarten.

Eine zweite Zugabe gab es nicht. War auch nicht nötig: Alle vier haben alles gegeben.

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