Unheilig segelt bei Raabs Bundesvision Song Contest mit Kitsch zum Sieg

Bisher konnten Bands bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest einen Musikwettbewerb und neues Publikum für sich gewinnen. Bei der sechsten Auflage am Freitag in Berlin gab es für Stanfour aus Schleswig-Holstein aber gleich noch einen neuen Namen.

In einer Live-Schalte aus Flensburg drückte CDU-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen den Vertretern seines Bundeslandes die Daumen und nannte die Pop-Rock-Formation konsequent „Schtanfour“. Der Fehler des alternden friesischen Deichgrafen, der eigentlich cool wirken wollte, wurde zum Running Gag des Abends. Stanfour siegten trotzdem nicht, denn im aus 16 Acts bestehenden Teilnehmerfeld gab es ja noch einen echten Grafen aus Aachen.

Die Kunstfigur Der Graf triumphierte mit seiner Band Unheilig für Nordrhein-Westfalen vor Silly aus Sachsen-Anhalt und Ich + Ich aus Berlin. Dieser Ausgang war etwa so überraschend wie eine Regierungserklärung von Carstensen. Unheilig, die gern Metaphern rund um das Meer verwenden, sind die Band der Stunde. Mit ihrem kitschigen Gothic Rock segelten sie in den Charts sogar an Herbert Grönemeyer vorbei und halten mit ihrem Album nun den Rekord für die meisten Wochen auf Platz eins.

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In Berlin gewannen sie das vor den Bildschirmen abstimmende Publikum mit der Ballade „Unter deiner Flagge“, mit der sich Der Graf bei „meiner Mutter für alles bedanken“ wollte. Bedanken muss sich die deutsche Pop-Szene vor allem bei Raab, der mit seinem Wettbewerb bei Pro 7 für unbekannte Bands die letzte Plattform im deutschen Fernsehen bietet. „Es ist der einzige Ort, wo wir im TV noch live spielen können“, hatte Jan Plewka unserer Zeitung im Vorfeld gesagt. Mit seiner Band Selig und der Liebeshymne „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ landete der Hamburger auf Platz acht.

Von den Newcomern überzeugten vor allem Das Gezeichnete Ich (Brandenburg, Fünfter) mit atmosphärisch dichtem Piano-Pop und die Blockflöte des Todes (Sachsen, Elfter): Der ehemalige Beerdigungsorganist sang in seinem Nonsens-Folk-Lied „Alles wird teurer“ herrlich komisch über fair gehandeltes Kokain. Dazu gab es lässigen HipHop von Blumentopf als Viertplatzierte aus München und poppigen Soul des hessischen Duos Oceana Leon, die 13. wurden. Wieder einmal ist es Raab gelungen, die musikalische Bandbreite des Landes zu zeigen - und mit 2,4 Millionen Zuschauern schalteten so viel Fans ein wie schon seit vier Jahren nicht mehr.

Neben dem Sieg, neuen Fans und neuen Namen hätte es beim Wettbewerb auch noch ein neues Outfit geben können: Der etwas rundliche Bernd Begemann, der mit Dirk Darmstaedter einen alten Rock’n’Roll-Song von Freddy Quinn coverte, hatte für den Fall eines Triumphes angekündigt, sich das Fett absaugen zu wollen - und Raabs pausenfüllender Nervensäge Elton gleich mit. Dann aber holte der lustige Entertainer für Niedersachsen als Letzter nur vier Punkte. Es ist das schlechteste Ergebnis in der Geschichte des Wettbewerbs - und in gewisser Weise doch besser als Mittelmaß.

Von Matthias Lohr

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