Interview: Bernd Begemann und Dirk Darmstaedter über Rock’n’Roll und Stefan Raabs Song Contest

„Unheilig steht für alles Schlechte“

Treten morgen für Niedersachen beim Bundesvision Song Contest an: Dirk Darmstaedter (links) und Bernd Begemann. Foto: Dürr/nh

Die Pop-Welt ist ungerecht: Dirk Darmstaedter (45) hatte einst mit den Jeremy Days einen tollen Hit („Brand New Toy“), und Bernd Begemann (47) ist einer der besten deutschen Songwriter - trotzdem kennen viele Menschen ihre Namen nicht.

Nun hat das Duo ein Album mit deutschen Rock’n’Roll-Songs aufgenommen und tritt morgen (20.15 Uhr, Pro 7) mit „So geht das jede Nacht“ bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest für Niedersachsen an.

Sie haben bei Konzerten immer wieder deutschsprachigen Rock’n’Roll der 50er-Jahre gespielt - auch zum allgemeinen Kopfschütteln, wie Sie sagen. Wieso haben Sie jetzt ein ganzes Album damit aufgenommen?

Bernd Begemann: Weil das ganze Land mit dem Kopf schütteln soll. Wenn wir vor Indie-Fans auftreten und ankündigen, dass wir eine B-Seite von Freddy Quinn spielen, sind die Leute erst einmal nicht so aufgeschlossen. Oberflächlich ist unser Album eine Comedy-Platte, aber unter der Oberfläche lernt man viel über die damalige Zeit und die Menschen.

„So geht das jede Nacht“, mit dem Freddy Quinn 1956 beim Schlager-Grand-Prix antrat, handelt von einem Mann, dessen Freundin wilder ist als er selbst. Ein brandaktuelles Thema.

Begemann: Stimmt. Damals war es eine andere Zeit. Bis dahin waren die Mädchen beim BDM und sollten dem Führer möglichst viele Kinder schenken. Dann gingen sie plötzlich selbst aus und hatten Spaß. Manche Männer hat das überfordert. Das Lied stammt aus dem Schützengraben der ersten Geschlechterkonfrontation.

Sasha und die Baseballs haben es mit Rock’n’Roll sogar in die Charts geschafft. Wieso gibt es gerade jetzt eine Sehnsucht nach Rockabilly?

Begemann: Wir hätten nichts dagegen, so viele Platten zu verkaufen wie Sasha oder die Baseballs, aber was die machen, ist doch nur ein Konsumenten-Service. All die Hits, die man schon kennt, kriegt man noch mal. Uns ging es um etwas anderes. Die wenigsten Menschen werden unsere Lieder kennen. Wir haben die Stücke ausgewählt, auf die wir abgehen. Gleichzeitig konfrontieren wir die Leute mit etwas Dunklem. Es gibt Lieder, die mich ins Mark erschüttern. In „Die Straßen der Vergessenen“ geht es um den kollektiven Verlust, weil Menschen im Krieg geblieben sind oder deportiert wurden. Wir legen die dunkle DNA der BRD frei.

Und das machen Sie nun ausgerechnet bei Stefan Raab. Wie wichtig sind er und sein Wettbewerb für Musiker wie Sie jenseits des Pop-Mainstreams?

Dirk Darmstaedter: Wir leben in einer gleichgeschalteten Medienlandschaft. Es gibt immer weniger Möglichkeiten, Musik bekannt zu machen. Für kleinere Bands ist der Song Contest die einzige Möglichkeit, von Menschen da draußen im TV gesehen zu werden.

Bei CD-Verkäufen wirkt sich das trotzdem nicht groß aus. Was erhoffen Sie sich davon?

Darmstaedter: Wir haben eine Platte gemacht und freuen uns jetzt, dass mehr Menschen davon erfahren als ohne unsere Teilnahme. Francesco Wilking von Tele hat mir erzählt, dass nach ihrem Auftritt bei Raab ein Jahr lang zu jedem Konzert 100 Leute mehr kamen.

Begemann: Das wäre für mich eine Verdoppelung.

Das ist eine schöne Steigerung. Schauen Sie eigentlich manchmal „TV Total“?

Begemann: Wenn man mit Drogen vollgepumpt ist und nicht weiß, was man tut, kann es sein, dass die Sendung schon mal nebenbei läuft. Stefan Raab sagt ab und zu etwas Witziges. Das kann man von Mario Barth nicht behaupten.

Gegen Acts wie Ich + Ich sowie Unheilig werden Sie keine Chance haben. Sind Sie schon froh, wenn Sie nicht Letzter werden?

Begemann: Da wären wir extrem froh. Andererseits: Wieso sollen die Leute den langweiligen Typen von Unheilig wählen? Unheilig steht für alles, was schlecht ist - zum Beispiel bedeutungslose Leere. Die haben „Die Flut“ von Joachim Witt einfach noch mal neu aufgenommen, nur in schlecht.

Schon wegen des lustigen Films, mit dem Sie sich bei „TV Total“ vorgestellt haben, hätten Sie den Sieg verdient. Standen Sie wirklich vor der Villa von Dieter Bohlen, dem ersten Proberaum der Scorpions und in der Videothek, in der Sarah Connor „Terminator“ ausgeliehen hat?

Begemann: Bei Bohlen war es tatsächlich dieselbe Hecke, den Rest haben wir an anderen Orten gedreht. Die Redaktion wollte, dass wir unser Bundesland vorstellen. Da haben wir Niedersachsen eben als schillernde Pop-Metropole gezeigt.

Dirk Darmstaedter & Bernd Begemann: So geht das jede Nacht (Tapete). Wertung: drei von fünf Sternen.

Zu den Personen

Dirk Darmstaedter wurde am 22. Februar 1965 in Hamburg geboren und war bis 1996 Kopf der Band The Jeremy Days. Seit 2002 betreibt er das Plattenlabel Tapete. Er wohnt mit seiner Frau und zwei Kindern in Westerhof an der Grenze zwischen Niedersachsen und Hamburg.

Bernd Begemann wurde am 1. November 1962 in Bad Salzuflen geboren und gilt als Mitbegründer der Hamburger Schule. Er ist ledig und lebt in Hamburg. (mal)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.