Universalgelehrter Wense - ein Spezialist für alles

„Er hat die Landschaft neu entdeckt“: Hans-Jürgen von der Wense auf Wanderschaft.

Kassel. Der Kasseler Kunsthistoriker Harald Kimpel über Hans Jürgen von der Wense, zu dessen Leben und Werk diese Woche eine Tagung und ein Konzert in Kassel stattfinden.

Er war Schriftsteller, Komponist, Fotograf, Übersetzer, Wetter- und Völkerkundler - aber er hat zu Lebzeiten so gut wie nichts veröffentlicht. Hans Jürgen von der Wense (1894-1966), der von 1932 bis 1940 in Kassel lebte, wurde in den vergangenen Jahren dem Vergessen entrissen. Sein Nachlass wird in der Kasseler Uni-Bibliothek aufbewahrt. Ab morgen findet im Dock 4 die vierte Wense-Tagung statt, die wieder Fans aus ganz Deutschland versammelt. Der Kasseler Kunsthistoriker Dr. Harald Kimpel hält am Freitag, 11 Uhr, einen Vortrag.

Warum setzen Sie sich mit Wense auseinander?

Dr. Harald Kimpel: Er ist eine faszinierende Figur, eine aus der Zeit gefallene, barocke Erscheinung, wie wir sie heute gar nicht mehr kennen. Ein Universalgelehrter, ein enzyklopädischer Geist, wobei das gar nicht der richtige Ausdruck ist. Denn das setzt eine Ordnung voraus, ein system, und damit hat er sich zeitlebens sehr schwer getan. Er war eher ein Generalist, ein Spezialist für alles. Er sah das Ganze in seinen Facetten, schaffte es aber nur zu einer fragmentarischen Form.

Welcher Aspekt ist Ihnen am nächsten?

Kimpel: Zunächst die documenta. Da hatte er sehr Originelles beizutragen. Er hatte einen individuellen Zugriff, der immer zur Übersteigerung und Übertreibung neigt. Wahrgenommene Realität vermischt sich mit der Vorstellung zu einer merkwürdigen Mischung von Dichtung und Wahrheit. Ich habe nachgewiesen, dass er manches, was er beschreibt, gar nicht gesehen haben kann. Da fließt der Überschwang ein. Das ändert nichts daran, dass er eine sehr individuelle, sehr faszinierte Sicht vom frühen documenta-Geschehen gehabt hat. Es ging nicht um Faktenreferate, gar eine wissenschaftliche Wahrheit, sondern wie bei allem, was er seiner Welt ablauscht, wird es gebrochen oder ergänzt um Intuition gegenüber dem Gesehenen.

Sie haben auch über „Wenses Wolken“ geschrieben und das Flüchtige, Wandelbare der Wolken - für die er sich sehr interessierte - auf das Fragmentarische seiner Arbeitsweise bezogen. Wenses Interessen waren nie zu stillen, er war unfähig, etwas zum Abschluss zu bringen. War er darüber unglücklich, oder entsprach ihm das einfach?

Kimpel: Exakt beides. Das war seine Arbeitsweise und Lebensform. Er hat immer so etwas wie ein Werk im Auge gehabt, Publikationen geplant, mit Verlagen Projekte begonnen, die ihm unter den Händen zerronnen sind, worüber er zutiefst unglücklich war. Beides gehört zusammen: Ein Werk erstellen wollen, aber es nicht können. Wense ist auch eine Warnung vor dem Verzetteln, davor, ein ewiger Außenseiter zu bleiben. Er war ja nie im Wissenschafts- oder Literaturbetrieb drin, sondern hat sich stilisiert zu einem, der keiner Erwerbstätigkeit nachzugehen braucht.

Er hatte Mäzene und Gönner. Wense muss skurril gewesen sein. Wo ist er Ihnen fremd?

Kimpel: Insgesamt. Diese Haltung legt heute niemand mehr an den Tag: Die Gesamtheit der wahrnehmbaren Welt irgendwie in den Griff zu kriegen, von einer Wissenschaft zu anderen zu torkeln, sie neu zu erfinden und in allem das Optimale leisten zu wollen. Mit völlig übersteigerten Plänen wie Übersetzungen aus hunderten exotischen Dialekten entlegenster Weltgegenden. Das ist sehr befremdlich und eigenartig, weil es unseren heutigen speziellen und immer spezialisierter werdenden Verhältnissen überhaupt nicht mehr entspricht.

Er hat eine Art Jünger an sich gebunden, die noch heute mit großer Hochachtung von ihm sprechen. Er muss etwas Charismatisches gehabt haben.

Kimpel: Aber immer nur ganz wenige Vertraute. Von einer Gemeinde kann man nicht reden. Dass es nur männliche Einzelne waren, Gleichgesinnte unterschiedlichen Alters, die ein Stück Weges mit ihm gingen, war aufgrund seiner sexuellen Orientierung kein Wunder.

Ihr Vortrag hat den schönen Titel „Wehrlosbrombeerbraundornsteindunkel“.

Kimpel: Das ist keine Erfindung von mir, sondern dem Kosmos Wense abgelauscht. Ich werde am Titel scheitern und gleich zum etwas prägnanteren Untertitel übergehen.

„Wenses Farbenlehre“ - worum geht es Ihnen da?

Kimpel: Um eine weitere Facette in diesem Kosmos, Wenses Umgang mit Farben. Wie er die Erde feiert - das ist ja das Motto der Tagung - durch Farbwahrnehmung. Wie er die Erde feiert - das ist ja das Motto der Tagung - durch Farbwahrnehmung. Was stellt er mit der Farbe an? Wie geht er mit Farben um? Und wie trifft er sich da mit Rilke oder Trakl? Seine Weltwahrnehmung ist immer eine Farbwahrnehmung. Dabei genügen ihm nicht die klassischen Begriffe, sondern er erfindet ganz abenteuerliche, unaussprechliche neue. Mit dieser Strategie durch kreative neue Begriffe will er der Vielzahl der Farbwörter gerecht werden. Das wird wieder mal sehr zitatenreich.

Aber darin liegt ja das Erhellende und Erlebnisreiche.

Kimpel: Eben: Wie geht er mit Sprache um? Wie fasst er alles, was er sieht, erlebt, womit er sich wissenschaftlich befasst, in Sprache? An wen wendet er sich, was will er erreichen?

Im Nachlass gibt es 300 Mappen, 30 000 Blätter, unzählige Fotos. Was ist da zu erwarten?

Kimpel: Wir lokalen Wense-Nachkömmlinge arbeiten zwar den einzigen Wense-Forschern Reiner Niehoff und Valeska Bertoncini nur hinterher, aber da ist noch manches drin. Der Nachlass wird von den Fans des Wense-Forums und anderen Sympathisanten sukzessive erarbeitet. Da wird noch manche Überraschung drin sein, aber das wird aber keine ganz revolutionäre neue Sicht auf Wense bringen. Veröffentlicht ist ein Bruchteil dessen, was noch in den Mappen steckt - geordnet-ungeordnet wie die ganze Figur und das ganze Leben Wenses. Glücklicherweise gab es in der Mappe „Licht“ Exzerpte zum Thema Farbe. Da konnte ich mich aus erster Hand bedienen.

Wense war ein exzessiver Wanderer. Wären Sie gern mit ihm gewandert?

Kimpel: Das wäre schwierig gewesen. Man musste gut zu Fuß sein. Aber es wäre nicht nur körperlich, sondern auch mental anstrengend gewesen. Das war kein Spazierengehen, um sich an der frischen Luft von der Schreibtischarbeit zu erholen. Sondern sein Umgang mit der Welt. Wense hat in Kassel und Umgebung in den 30ern und 40ern das Zentrum seiner Welt gesehen. Er hat die Landschaft neu entdeckt, in ihr neue, unvertraute Aspekte gefunden. Das ist ganz anders als unser touristisches Verhalten, das die Heimat verschmäht und das Gute und Interessante in weiter Ferne sucht. Für Wense galt: Was immer man in der Ferne suchen mag, es ist längst hier. Vor den Füßen, unter den Füßen. Wandernd erarbeitete er sich das. Die Region Kassel war ihm exotisch genug.

Zur Person

Dr. Harald Kimpel (66, geboren in Kassel) wurde nach dem Studium (Kunstgeschichte, -pädagogik, Archäologie und Ethnologie) in Kassel und Marburg mit einer Dissertation über die Geschichte der documenta promoviert. Kimpel war von 1981 bis 2015 in ganz unterschiedlichen Funktionen im Kulturamt der Stadt Kassel tätig, darunter auch im documenta-Archiv. Er hat vielfältig publiziert (etwa „documenta emotional“) und hat Ausstellungen kuratiert, zum Beispiel „Utopie documenta“ im Stadtmuseum. Er lebt mit seiner Lebensgefährtin in Kassel.

Die Tagung

„Die Erde feiern. Kraftfelder und Korrespondenzen im Werk Hans Jürgen von der Wenses“ heißt die Tagung zu Wense, die das Literaturhaus Nordhessen morgen ab 15 Uhr und am Freitag ab 10 Uhr im Dock 4 veranstaltet. Im Zentrum der acht Vorträge steht seine ungestüme Begeisterung für Natur und Landschaft. Dazu kommen zwei Abendveranstaltungen: Morgen, 20 Uhr, werden Bariton Holger Falk und Pianist Steffen Schleiermacher Lieder und Klavierstücke von Wense und Zeitgenossen aufführen. Den Abschluss am Freitag, 19 Uhr, bildet die Uraufführung des SWR-Radioessays „Aufbruch ins Wetter“ von Valeska Bertoncini über Wenses Wetterbücher. Karten: 15 Euro (ein Tag), 20 Euro (zwei Tage). Konzert: 10 Euro. www.literaturhaus-nordhessen.de, juergen-von-der-wense.de

Von Mark-Christian von Busse

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