Malkowsky inszeniert Wagners „Parsifal“ in Kassel als Psycho-Drama

Kassel. Dieser Parsifal wird eine blutige Angelegenheit. Daran lassen die Filmprojektionen während des Vorspiels keinen Zweifel. Eine Wunde färbt sich rot, dicke Blutstropfen rinnen die Leinwand hinab.

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Die Kraft, die im Leiden steckt

Als sich dann die Gralsburg öffnet, zeigt sich der von Harald B. Thor gestaltete weißliche Raum - halb Tempel, halb Klinik - ebenfalls blutbesudelt. Knappen versuchen als Putzkolonne, ihn reinzuhalten, doch der Blutfluss des verwundeten Königs Amfortas will nicht enden.

Kein Mensch kann so heftig bluten. Es ist die Menschheit insgesamt, die leidet - wie die Regisseurin Helen Malkowsky mit weiteren Filmeinspielungen zur Gralsenthüllung signalisiert: Nach und nach färben sich auf einer Weltkarte alle Kontinente blutrot. Verantwortlich dafür ist, kein Zweifel, die Männerwelt der Gralsritter, denen Keuschheit höchstes Gebot ist. „Nein! Nicht die Wunde ist es - Oh! Qual der Liebe!“, erkennt der „welthellsichtig“ gewordene Parsifal nach dem Kuss der Kundry.  Von diesem gedanklichen Punkt aus entwickelt sich die Inszenierung auf psychologischen Deutungswegen, und der Gralsritter Gurnemanz, der mit seinen Erzählungen durch die Handlung führt, steht hier als Abbild des Doktor Freud auf der Bühne, um die seelischen Verstrickungen offenzulegen.  Malkowskys „Parsifal“-Deutung macht die unerfüllte Liebesbeziehung des Amfortas und der Kundry - und damit die (geschlechtliche) Liebe von Mann und Frau - zum andauernden Störfall in der Welt der Gralsritter, deren Traum von der Welterlösung sich am Ende als Vision von der Weltbeherrschung entlarvt.

So durchzieht die Sehnsucht, die Amfortas und Kundry aneinander bindet, die gesamte Inszenierung. Zu Beginn tauscht Kundry mit einer Pflegerin die Kleider, um Amfortas nahe zu sein, und die Gegenwart des jeweils anderen bleibt spürbar bis zum eindrucksvoll und in überzeugender Weise umgedeuteten Schluss.

Nicht die Verzückung angesichts des enthüllten Grals beschließt den Fünfeinhalb-Stunden-Abend. Der strahlende neue König Parsifal und seine traurigen Ritter sind längst mit dem Gralskelch entschwunden, als der zurückgebliebene Amfortas mit seinen Händen die Asche Kundrys, die sich der „Erlösung“ durch Parsifal entzogen und selbst verbrannt hat, in den leeren Gralsschrein häuft.

Nicht alle Bilder sind so klar. Klingsor und seine Zauberwelt erscheinen als Ort infantiler Allmachtsfantasien. Anhand von Tanja Hofmanns Kostümen - Matrosenanzüge und ein riesiges Gouvernantenkleid, unter dem die Blumenmädchen hervorschlüpfen - lässt er sich vage im deutschen Kaiserreich mit seinen Weltmachtallüren verorten.

Etwas unscharf bleibt auch die Figur des Parsifal. Der „reine Tor“ wird als scheinbar ahnungsloser Opernbesucher aus dem (auf der Bühne gespiegelten) Zuschauerraum geholt - ein interessanter Regieeinfall, der aber folgenlos bleibt. Parsifals Entwicklung zum „aus Mitleid wissenden“ Herrscher verläuft allzu ruckartig. Der Zuschauer ahnt indes, dass es eher Machtwille als das Bedürfnis nach Sühne ist, was Wagners Musik so unwiderstehlich feiert.

Kommentar: Alles Theater

Etwas von der Bayreuth-Tradition nach Kassel verpflanzen wollte wohl Kassels Musikchef Patrik Ringborg, als er mit deutlichen Gesten das im Programm angekündigte „Applausverbot“ nach dem ersten „Parsifal“-Aufzug einforderte. Doch selbst in Bayreuth wird der Wunsch Richard Wagners, das Publikum solle wegen der abendmahlsähnlichen Handlung nach dem ersten Akt schweigen, längst nicht mehr befolgt. Warum auch? Der „Parsifal“ ist nicht Gottesdienst, sondern Theater - was übrigens Wagner selbst, der zweifellos kunstreligiöse Absichten verfolgte, durchaus bewusst war.

In Kassel wirkt das Klatschverbot besonders abwegig, weil sich die Inszenierung von Helen Malkowsky vom Ritual ausdrücklich distanziert. Und schließlich gilt im Theater: Wenn sich der Vorhang senkt, endet die Verfügung der Künstler über ihr Werk. Dann ist das Publikum dran. Es kann klatschen, buhen - oder auch schweigen.

Von Werner Fritsch

Rubriklistenbild: © Klinger

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