Unser Buchtipp: Andrej Kurkows Tagebuch aus der Ukraine

Von November 2013 bis April 2014 hat der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow die Ereignisse in der Ukraine in einem Tagebuch festgehalten. Ein beeindruckender Bericht, findet unser Rezensent Mark-Christian von Busse.

„Wovor ich Angst habe“, schreibt der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow - ein ethnischer Russe, der seit seiner Kindheit in Kiew lebt - bereits im März in sein Tagebuch, „ist eine mögliche russische Intervention im Osten und Süden des Landes.“ Jeden Tag denke er an einen möglichen Krieg. Putins Strategie, die Annexion der Krim vergessen zu machen, sei, mit Ausschreitungen in der Ukraine einen Bürgerkrieg anzuzetteln: die Bevölkerung einzuschüchtern, die Lage zu destabilisieren. In Westeuropa, klagt der 53-Jährige, komme diese Entwicklung so spät an, als gebe es kein Internet, sondern reitende Boten.

Tatsächlich gehört es zu den oft gehörten Behauptungen, in Kiew hätten sich im vorigen Winter Faschisten an die Macht geputscht. Deshalb ist Kurkows Bericht von Ende November 2013 bis Ende April ’14 aus dem Herzen des Protests gegen das Janukowitsch-Regime so wichtig: Er schildert, wie das gewählte Parlament den korrupten Präsidenten verstoßen hat und auf dem Majdan ein europäischer Traum aufgelebt ist. Er erzählt von den Entführungen und Folterungen der Revolutionäre vom Majdan, von den Scharfschützen, die sogar auf junge Sanitäterinnen schossen, von Kirchen, die für die Majdan-Aktivisten offenstanden.

Nebenbei berichtet Kurkow, wie seine fünfköpfige Familie den Alltag bewältigt - das Jahresende 2013/14 verbrachte sie noch auf der Krim. Zwischendurch geht er ausgerechnet Paintball spielen mit den Söhnen. Und er hat einen Sinn für die Ironien und Absurditäten des Konflikts, nicht nur wenn die Wetterkarte im russischen Fernsehen plötzlich auch das Donezkbecken und Charkiw zu Russland rechnet. Bei einem Besuch in Straßburg trifft der Schriftsteller den Mitarbeiter eines Nationalparks auf der Krim, der sich ein EU-Zertifikat abgeholt hat. Nun weiß er nicht, wohin damit. Seine Moskauer Kollegen, mit denen er einst studiert hat, haben bereits angerufen und nach seltenen Pflanzen auf der Krim gefragt, um sie nun auf die Roten Listen Russlands aufnehmen zu können.

Aber im Grunde ist es natürlich viel ernster: Russland, das Land, das 1945 den Faschismus besiegt hat, baue nun eigene Nationalisten und Faschisten auf, um sie in die Ukraine zu schicken, schreibt Kurkow, den die russische Propaganda fassungslos macht: „Putin lügt wie gedruckt.“ Kein Wunder, dass Putin gerade neulich wieder den Hitler-Stalin-Pakt würdigte, folgt man Kurkows Darstellung. "Geschichte wiederholt sich. Nur dass Russland diesmal keinen zweiten ,Ribbentrop' für den Abschluss eines neuen ,Paktes' mit einem neuen, vom Kreml instruierten ,Molotow' finden konnte und kann. Europa und Russland haben dieses Mal die Plätze getauscht. Europa geht gegen die eigenen Neonazis vor, während Russland die seinen päppelt und in Richtung Westen, in die Ukraine schickt."

Sein Großvater sei im Kampf gegen die Faschisten gefallen, blickt Kurkow zurück, "und nun höre und lese ich das Wort ,Faschist' in Bezug auf mich, weil ich mich gegen eine Besetzung der Ukraine durch Putins Armee ausspreche, weil ich mich gegen die totale Korruption ausgesprochen habe und dies weiterhin tue, die der flüchtige Präsident Janukowytsch mit seinem Clan überall etabliert hatte, weil ich will, dass das Land, in dem ich lebe, ein Rechtsstaat ist."

Kurkow beschäftigt sich ausführlich auch mit den Krimtataren, die einst von Stalin verbannt wurden und die mit der russischen Okkupation auf der Krim - der seiner Ansicht nach einzigen wirklich prorussischen Region der Ukraine - wieder unter Druck geraten - prompt wird das Denkmal für die Opfer der Krimtataren in den Anfangstagen der Besetzung geschändet.

Und Kurkow äußert weitere düstere Prophezeiungen: Putin setze seine Pläne dynamisch um, indem er die Reaktion der Weltgemeinschaft schrittweise abklopfe. Bei der Ukraine wolle er nicht nicht Halt machen. „Für die geopolitischen Launen eines einzigen Mannes, Putins, werden Millionen Menschen aus Russland den Preis bezahlen.“ Andrej Kurkow: Ukrainisches Tagebuch. Aufzeichnungen aus dem Herzen des Protests. Haymon, 280 S., 17,90 Euro, Wertung: !!!!

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