Unser Buchtipp: "Nacht ist der Tag" von Peter Stamm

Der Schweizer Peter Stamm (50) hat immer den Blick auf die kleinen und großen Lebenskrisen gerichtet. Er setzt nie auf Effekte, sondern auf das Brodeln im Innern, das sich zu einem emotionalen Vulkan auswachsen kann.      

Nur auf den ersten Blick weicht er im neuen Roman vom Konzept ab. Der Einstieg ist untypisch: Wir werden (in der Retrospektive) Zeugen eines Unfalls nach einer im Streit durchzechten Silvesternacht. Die erfolgreiche TV-Moderatorin Gillian, eine attraktive Frau Ende dreißig, erwacht im Krankenhaus. Der Ehemann hat nicht überlebt. Zum folgenschweren Disput war es gekommen, weil jener Matthias Nacktfotos seiner Frau gefunden hat, die ein Künstler angefertigt hatte, um sie als Vorlage für ein Aktgemälde zu verwenden.      

Gillians Gesicht ist entstellt, die Nase total deformiert. Mit der Zerstörung ihres Erscheinungsbildes setzt im Hospital eine Selbstbesinnung ein, Gillian empfindet ihr Leben als „eine einzige Inszenierung“. Als Jill versucht sie einen Neuanfang in einem Wellness-Hotel im Engadin. Dort kommt es zum Wiedersehen mit jenem Künstler, der Urheber der Nacktfotos ist. Er schlüpft nun in die Hauptrolle. Auch er ein Suchender, eine Person, die am Scheideweg steht.

Die wohldosierte Mischung aus Leichtigkeit und Schwere, aus scheinbar banalen Alltagsbegebenheiten und tiefen existenziellen Problemen, macht den Reiz dieser kunstvoll-simplen Prosa aus - dieser unaufgeregte Tonfall, der trotzdem höchste Erregung erzeugt. Es ist ein kunstvoll-akrobatischer Spagat zwischen Banalität und Tiefsinn (den Polen, zwischen denen sich auch unser Leben bewegt), der Stamm bravourös gelingt und zu einer Art Gütesiegel geworden ist.

Stamm hat wieder einmal eine grandiose Achterbahnfahrt der Gefühle inszeniert, eine absolut singuläre Stimme in der deutschsprachigen Literatur.

Von Peter Mohr

Peter Stamm: Nacht ist der Tag. S. Fischer, 253 S., 19,99 Euro, Wertung: 5 von 5

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