"Unsere Musik ist keine Kunst": Die Amigos im Interview

Ein Lied auf dem aktuellen Album der Amigos heißt „Irgendwann (bist du der alte Mann)“. Bernd und Karl-Heinz Ulrich sind jetzt 63 und 65, aber wie alte Männer fühlen sie sich noch nicht. Ein Interview mit den Musik-Urgesteinen.

Sie touren weiter durch ausverkaufte Hallen und haben gerade einen Dreijahresvertrag mit Sony Ariola unterschrieben. „Das Feuer brennt noch lichterloh“, sagt Sänger und Schlagzeuger Bernd Ulrich vor dem Konzert am 8. Februar in der Kasseler Stadthalle.

Herr Ulrich, mit Ihrem Bruder sind Sie zu Botschaftern Mittelhessens ernannt worden. Was hat die Region, was Nordhessen nicht hat? 

Bernd Ulrich: In jeder Region sind die Menschen ein besonderer Schlag. Bei uns werden sie von der wunderschönen Landschaft geprägt. Sie sind zugänglicher und gemütlicher. Über den Vogelsberg singen wir natürlich auch. Als wir einmal in der Schweiz aufgetreten sind, habe ich gesagt: „Ihr habt superhohe Berge hier, aber ihr kennt den Vogelsberg nicht.“ Einige Monate später kam eine Familie aus der Schweiz bei Mijo in die Gaststätte in Nonnenroth.

Wer ist denn Mijo? 

Ulrich: Mit dem sind wir seit 20 Jahren befreundet. Er stammt aus Kroatien, hat das Bürgerhaus in Nonnenroth übernommen und in „Amigo-Mijo“ umbenannt. Es ist unser Stammlokal. An der Wand hängt sogar eine unserer Goldenen Schallplatten. Auf jeden Fall fragten die Schweizer, wo denn der Berg sei, von dem die Amigos singen. Mijo musste sie enttäuschen. Der höchste Berg im Vogelsberg ist 773 Meter hoch. Die Geschichte zeigt, wie bekannt wir den Vogelsberg und Mittelhessen machen. Viele Amigos-Fans rufen bei der Gemeinde in Hungen an und machen hier Urlaub.

Jahrzehntelang sind Sie mit Ihrem Bruder über die Dörfer getingelt. Haben Sie immer an die große Karriere geglaubt? 

Ulrich: Überhaupt nicht. Wir haben unseren Job und am Wochenende Musik gemacht. Im Umkreis von 50 Kilometern waren wir weltbekannt. Wir waren zufrieden mit dem, was wir hatten. Selbst als wir dann viele CDs verkauft haben, haben wir uns gefragt: Sollen wir freiwillig unseren Beruf aufgeben? Wer macht so etwas heute noch?

Es hat sich gelohnt. Sie haben mittlerweile vier Millionen CDs verkauft. Sie müssen ganz schön reich sein. 

Ulrich: Wir sind reich an Erfahrung. Natürlich haben wir viel Geld verdient, aber darum geht es nicht. Unser Beruf macht uns einfach Spaß. Wir erleben unglaubliche Dinge. Anfang des Jahres rief uns eine Frau aus Flensburg an. Ihr Vater lag mit 60 Jahren im Sterben. Bauchspeicheldrüsenkrebs. Es gab keine Hoffnung mehr. Sein größter Wunsch war es, die Amigos zu sehen. Also sind wir in das Hospiz gefahren. Er wurde mit dem Rollstuhl auf die Terrasse geschoben, und wir haben geredet. Ich habe noch nie so glückliche Augen gesehen. Wenig später ist er gestorben.

Was machen Sie anders als andere Schlagermusiker, die ja immer weniger CDs verkaufen?  

Ulrich: Unsere Musik ist keine Kunst, aber wir legen Wert auf Texte, die mitten aus dem Leben kommen. Wir scheuen auch keine Tabuthemen wie Tod und Obdachlosigkeit.

Sie sind auch Botschafter des Weißen Rings und kämpfen gegen Kinderschänder. Ihre Schlager-Welt ist nicht heil. 

Ulrich: Was bringt es, wenn ich von Sonne und Urlaub singe? Den Urlaub kann sich eh keiner mehr leisten. Wir wollen den Zuschauern keine heile Welt vorgaukeln. Über Kindesmissbrauch haben wir schon gesungen, bevor wir bekannt wurden. Wir machen aber auch unbeschwerte Lieder. Auf der Bühne sage ich dann: „Und jetzt sind wir wieder lustig.“

Trotz Ihres Erfolgs müssen Sie mit sehr viel Häme leben. Ein Reporter der „Süddeutschen Zeitung“ hat Sie einmal als größte Volldeppen dargestellt. Ärgert Sie so etwas? 

Ulrich: Am Anfang hat es das, mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Wir haben vier Millionen CDs verkauft, das können nicht vier Millionen Bekloppte sein. Aber genau darauf wird unser Publikum reduziert. Wer mit unserer Musik nichts anfangen kann, soll sich nicht mit uns beschäftigen. Ich bin auch kein Metal-Fan, aber wenn Leute das gut finden, ist das ihr gutes Recht.

Die Amigos: 8. Februar, 19.30 Uhr, Stadthalle Kassel. HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Von Matthias Lohr

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