Unter Polizeischutz

Das Kölner Nö-Theater spielte im tif das NSU-Stück „V wie Verfassungsschutz“

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Sollte man diesen V-Leuten vertrauen? Die Schauspieler (von links) Talke Blaser, Felix Höfner und Asta Nechajute.

Kassel. Es ist kein gutes Zeichen, wenn eine Polizeistreife vor dem Theater steht, um die Besucher im Notfall zu schützen. Aber das ist auch fast drei Jahre nach dem Auffliegen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) immer noch deutsche Normalität.

Vor dem Gastspiel des Kölner Nö-Theaters mit seinem Stück „V wie Verfassungsschutz“ im vollen Kasseler tif (Theater im Fridericianum) musste man auch den unerwünschten Auftritt von Neonazis befürchten. Die Spinner, wie sie der Bundespräsident nennen würde, blieben Gott sei Dank fern. Ein beklemmendes Gefühl hatte man dennoch am Ende eines bemerkenswerten Theaterabends.

Nach Kassel eingeladen war die Kölner Gruppe von der „Initiative 6. April“. Die erinnert mit der Reihe „Die Opfer des NSU und die Aufklärung der Verbrechen“ an den Mord an Halit Yozgat, der am 6. April 2006 in seinem Internet-Café in der Kasseler Nordstadt erschossen worden war.

Ein V-Mann des Verfassungsschutzes war damals am Tatort. Und das war nicht die einzige peinliche Panne des Inlandsgeheimdienstes rund um die Mordserie des NSU, die zehn Menschen das Leben kostete. „Der Verfassungsschutz ist auch schlechtes Theater“, sagt Felix Höfner in dem von Janosch Roloff inszenierten Stück. Das Nö-Theater beschäftigt sich oft mit politischen Themen. Für „V wie Verfassungsschutz“ gab es mehrere Auszeichnungen.

Die Mordserie und das Versagen so ziemlich aller Beteiligten macht einen heute noch wütend, aber die drei Akteure widerstehen dem verständlichen Wunsch rumzuschreien. Ihr Spiel ist eine Mischung aus „Sendung mit der Maus“, Politkabarett und absurdem Theater.

Asta Nechajute als sprechende Verfassungsschutz-Website erklärt, wie der Geheimdienst funktioniert. Talke Blaser spielt Leo Lupix, eine Art Maskottchen des in Köln ansässigen Amtes. Den Spezialagenten gibt es tatsächlich.

Wenn ein Aktenvernichter-Hersteller die fünf peinlichsten Fälle des Verfassungsschutzes präsentiert, bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Zu Marianne Rosenbergs „Er gehört zu mir“ spielt das Trio Anwerbeversuche von V-Leuten nach, die damit enden, dass der Verfassungsschutz Wehrsportgruppen finanziert. Spätestens da fragt man sich als Zuschauer, ob man so einen Verfassungsschutz braucht.

Am Ende wird das Nö-Theater nachdenklich. Die Schauspieler erzählen von den Orten, an denen die Menschen starben. Die Straße in Dortmund hat eine Wunde, sagt Nechajute, „sie heilt nicht“. Das kann man vielleicht auch als gutes Zeichen werten.

Von Matthias Lohr

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