Das Portico Quartet und das Studnitzky Trio gastierten im Kulturzelt

So unterschiedlich ist Jazz

Bestritten das erste Set: Jack Wyllie (von links), Duncan Bellamy, Milo Fitzpatrick und Nick Mulvey vom Portico Quartet. Foto: Malmus

Kassel. Nur eine Zugabe war drin. „Wir spielen sehr gern noch ein Stück, wir sind gerade erst warm geworden“, gestand Sebastian Studnitzky, der aus dem Schwarzwald stammende, in Berlin lebende Pianist und Trompeter. Sein Trio teilte sich den Abend mit dem Portico Quartet. Da hatte man also am Mittwoch im zur Hälfte gefüllten Kulturzelt zwei Jazz-Formationen im Vergleich, die unterschiedlicher kaum sein können.

Das hochgelobte Portico Quartet mit Hang-Spieler Nick Mulvey, Saxofonist Jack Wyllie, Schlagzeuger Duncan Bellamy und Bassist Milo Fitzpatrick bestritt das erste Set. Danach war nur eine Steigerung möglich. Man hat die vier Londoner mit Radiohead verglichen und ihnen das Label „Brit Jazz“ angeklebt, was immer das bedeuten soll. Ihre Musik ist eher kammermusikalischen Jazz-Konzepten der 80er verpflichtet, die sich unauslöschbar mit dem ECM-Label verbinden: ausgefeilte Innerlichkeit, meditatives Abtauchen, entrücktes Soundgefrickel, Einflüsse von Weltmusik, die vor allem durch Mulveys lineares Hang-Spiel zur Geltung kommen.

Das Hang erinnert an eine fliegende Untertasse: Zwei miteinander verklebte Metallschalen, deren Klang dem von Steeldrums recht nahe kommt. Mulvey spielt seine Hangs überwiegend mit Schlägeln - was nicht im Sinne der Erfinder, aber möglich ist - also rein perkussiv, zur Untermalung und zur Erzeugung von Stimmungen. Ein Hang-Solo gab’s nicht, obwohl das spannend gewesen wäre. Überhaupt: Das Portico Quartet kam kaum aus sich heraus, von zwei ekstatischen Saxofon-Soli abgesehen. Stets viel zu schnell wurden geordnete Bahnen angesteuert. Auf CD mag das anregend sein, live ist es wenig interessant.

Dann kam das Studnitzky Trio, und es wurde schlagartig aufregend. Es ist offen für alle möglichen Einflüsse aus Jazz, Pop und Klassik, die auf sehr eigensinnige Weise verarbeitet werden: Da ist die Tradition des Klaviertrios, aber Studnitzky ist vor allem auch Trompeter und entwickelt eingängige, ruhige, ungemein mitreißende Soli. Sein Ton ist harmonisch differenziert, gehaucht, weich und intensiv.

Zwischen ihm und Paul Kleber (Bass) und dem herausragenden Schlagzeuger Sebastian Merk entwickelte sich ein perfektes Zusammenspiel, nie voraussehbar, immer überraschend. Samples und Loops erweitern das Soundspektrum. Bisweilen war das Ganze clubtauglich, und das bei einem Remix von Scarlattis „Katzenfuge“! Man hätte dem Studnitzky Trio den ganzen Abend reservieren sollen. Langeweile wäre nicht aufgekommen.

Kulturzelt heute: Manu Katché, ausverkauft. Morgen: Vienna Teng. Beginn 19.30 Uhr.

Von Andreas Gebhardt

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