Interview: Percy und Felix Adlon über ihren Film „Mahler auf der Couch“ und die Ehe des Komponisten

Unterschiedliche Orgasmen

Gefühlsdrama aus der Musikwelt: Pünktlich zum 150. Geburtstag des Komponisten am 7. Juli kommt der Film „Mahler auf der Couch“ von Felix (links) und Percy Adlon in die Kinos. Foto: nh

Im Sommer 1910 öffnet der Komponist Gustav Mahler einen Liebesbrief, den der junge Architekt Walter Gropius versehentlich an ihn anstatt an seine Frau Alma adressiert hat.

Das postalische Malheur stürzt Mahler in eine tiefe Schaffenskrise und ist ein gefundenes Fressen für den Wiener Klatsch. Percy Adlon („Out of Rosenheim“) und sein Sohn Felix („American Shrimps“) erzählen in „Mahler auf der Couch“ vom Zusammentreffen Mahlers mit Sigmund Freud, durch dessen psychoanalytische Erkenntnisse der Komponist einen Ausweg aus der Krise erhofft.

Was glauben Sie würde Gustav Mahler zu Ihrem Geburtstagsgeschenk sagen?

Percy Adlon: Er wäre wahrscheinlich zunächst entsetzt und würde dann sagen: „Komischerweise hat es sich genauso zugetragen. Woher wissen Sie das?“

Sie glauben also an den Wahrheitsgehalt Ihrer fiktionalisierten Begegnung zwischen Mahler und Freud?

Felix Adlon: Die Faktenlage über das Zusammentreffen der beiden Männer ist sehr dünn. Es gibt einen Satz von Freud und einen kurzen Verweis von Mahler in einem Brief an Alma. Aber es gibt die Musik, die Biografie, die Tagebücher und den ganzen Wiener Klatsch um die beiden herum.

Percy Adlon: Aber ein Dokumentarfilm könnte das, was wir erzählen, nicht zeigen. Der könnte nur die müden Fakten wiederholen, während wir fiktiv ins Volle greifen können.

Welche Bedeutung hatte das Zusammentreffen dieser beiden damals?

Felix Adlon: Die Begegnung von Freud und Mahler ist sozusagen die Ur-Eheberatung. Der Moment, in dem ein Mann zum ersten Mal mit einem Psychologen über seine Eheprobleme redet. Das ging damals für einen Mann gegen jede Ehre.

Welche Rolle spielt Mahlers Musik für Ihr Filmkonzept?

Percy Adlon: Wir sehen die Geschichte heute als Komödie, aber die Musik erzählt natürlich etwas anderes. Sie berichtet davon, was für eine Tragödie Almas Ehebruch für Mahler war. Und gerade das hat uns interessiert: dass man etwas sieht, über das man schmunzelt, und dass man gleichzeitig etwas hört, das einen in die Höhen und in die Abgründe von Mahlers Musik führt.

Was hat eine junge Frau wie Alma in der Ehe mit Mahler gesucht?

Percy Adlon: Alma war eine ungeheuer progressive Frau, die geradezu platzte vor Begabung. Der richtige Mann hätte mit ihr an seiner Seite eine neue Weltordnung erschaffen können. Stattdessen verliebt sie sich in diesen Komponisten und begibt sich in die Folterkammer dieses Genies, das nicht anderes sieht als das eigene Werk und beim Komponieren seine Orgasmen hat. Damit war die Ehe von vornherein zum Scheitern verurteilt. Denn Alma war ein Vollweib, und sie wollte ihre Orgasmen beim Sex und nicht über den Partituren ihres Mannes.

Was sah Mahler in ihr?

Felix Adlon: Sie hat alle Qualitäten gehabt, die Mahler brauchte. Sie hat selbst komponiert, konnte Partituren lesen, war seine Muse, seine Kritikerin und die Mutter seiner Kinder. Für Mahler war das die perfekte Beziehung.

Wie haben Sie in Ihrer Erzählweise die Behäbigkeit des Kostümfilms vermieden?

Felix Adlon: Wir wollten kein verstaubtes Biopic drehen, sondern einen Film, der sich modern anfühlt. Wir haben mit Absicht keine Kutschen durchs Bild fahren lassen. Es geht nicht um die historischen Ereignisse, sondern um die Erfordernisse der Gefühle.

Von Martin Schwickert

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