Antiheld Atze Schröder begeisterte mit Charme und professioneller Lockerheit in der Kasseler Eissporthalle

Von der untersten Kante des Ruhrpotts

Lockere Sprüche aus dem Bühnen-Trümmerfeld seines Programms „Revolution“: Atze Schröder in Kassel. Foto: Fischer

Kassel. Für die einen ist Atze Schröder der dummdreiste Mannschaftsführer einer respektlosen Comedy-Elite, die jeglichen Esprit und Feingeist vermissen lässt. Für andere wiederum ist er das lustigste Ensemble aus abgedrehtem Outfit, Humor und Lebensfreude, das zur Zeit durch die deutsche Spaßgesellschaft spurtet.

Atze Schröder polarisiert, doch in der ausverkauften Kasseler Eissporthalle erzielte er mit seinem aktuellen Programm „Revolution“ höchste Sympathiewerte. Dass es sich dabei nicht annähernd um irgendeine thematische Verbindung zu den Begriffen Aufstand und Auflehnung handelte und dass das Bühnenbild mit einem zerstörten Hubschrauber rein gar nichts mit der Show zu tun hatte, störte nicht weiter.

Atze statt Aristoteles

Denn von einem Atze erwartet man keinen Aristoteles. Da will man den 911er-Porsche-Protz und die Anmachsprüche in der Disco, das proletenhafte Abhobeln der bürgerlichen Fassade und die wortreiche Bombardierung des spießigen Gestus. Da ist er zuhause, das ist sein Terrain.

Eine Prise Politik, ein Seitenhieb auf die Eissporthalle, doch im Mikrokosmos der Alltäglichkeit blüht er auf. Da meistert er den Spagat zwischen lustig verfärbten Vorurteilen, Machosprüchen und moralischer Korrektheit mit vielfältigen Begriffskombinationen und bildgewaltiger Satzarchitektur.

Fremdwort „Schule“

Fragt er türkische Kids die ihn an der Tankstelle anpöbeln: „Fremdwort mit sechs Buchstaben?“ Achselzucken. Atzes Antwort: „Schule“. Gleich darauf die Verbrüderung. Er kommt ja auch von der untersten Kante des Ruhrpotts, aus Essen-Kray, und er ist Türke im eigenen Land. Er beherrscht die Kunst der Dialektik und kann sich so einiges herausnehmen.

Frauen als Sexobjekt und gleichzeitig der Kniefall vor ihren Stärken. Die Waldorfschule als verweichlichtes Biotop, und doch sind alternative Lebensformen wichtig. Saufen macht krank, doch man hat immer so viel Spaß dabei.

Und die Freundin seines besten Freundes? Soll er sie vernaschen oder nicht? Er ist hin- und hergerissen, und an seiner Entscheidungsfindung lässt er sein Publikum auf amüsante Art und Weise teilhaben.

Kumpel Atze ist ein Antiheld mit Charme, der vor keiner Peinlichkeit zurückschreckt und dabei soviel Wärme abstrahlt, das man ihm nichts übel nehmen kann. Großer Applaus.

Von Andreas Köthe

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