Alina Bronsky stellt ihr Buch „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ im Bali-Kino vor

Die unverwüstliche Großmutter

Alina Bronsky Foto: dpa

KASSEL. Russische Frauen ticken anders, besonders was ihre Sicht auf die Dinge des Lebens angeht, wenn es ums Überleben in dieser Welt und um das Vorwärtskommen geht. Allen Widrigkeiten zum Trotz. Rosalinda zum Beispiel ist stolz auf ihr tatarisches Erbe, auf ihren Mut, ihre kleine Familie über die Runden zu bringen. Mit Mitteln, die im Westen wohl mit Verachtung gestraft würden. Doch Rosalinda, unverwüstlich, unerschrocken und unverbesserlich, ist auch eine Meisterin des Selbstbetrugs. Und vor allem hat sie auch ein Talent zur Erpressung dummer, gieriger Männer.

Die junge Großmutter Rosalinda, ihre leider nicht so hübsche Tochter Sulfia und ihre clevere, aber vor der Geburt eigentlich schon der Abtreibung preisgegebene Enkelin Aminat stehen im Mittelpunkt des Zweitwerkes der in Jekaterinburg geborenen und jetzt in Deutschland lebenden Autorin Alina Bronsky.

Mit Anorak, Rucksack und nach hinten gebundenen Haaren erscheint die 32-Jährige zur Literaturmatinee im Kulturbahnhof und fasziniert vom ersten Moment an mit Spontaneität, Frische und Authentizität. Sie selbst hat dreizehn Jahre in Russland gelebt, und ihr Wissen um die dort lebenden Menschen prägt dieses Werk, das trotz des Titels „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ keinesfalls ein Kochbuch ist, sondern eher, wie Bronsky humorvoll formuliert, ein „Großmutterroman“.

Im Gespräch mit Moderator Martin Maria Schwarz und in zwei Lesepassagen lässt Alina Bronsky an diesem Morgen im Kulturbahnhof eine ganz andere Welt auferstehen. Es ist die Welt des Matriarchats, eben dieser Ich-Erzählerin Rosalinda, die im Guten wie im Schlechten eine starke Figur macht, und es tatsächlich schafft, ihre Familie in den sogenannten goldenen Westen zu bringen. Ob diese Frau uns sympathisch ist, darüber lässt sich wohl streiten.

Doch gerade diese Doppeldeutigkeit und die prägnante Sprache der Alina Bronsky, mit der im leichten Ton über schlimme Verhältnisse, Gefühlskälte und Abhängigkeiten hinweggeplaudert wird, machen das Buch zu einer spannenden Sache. Immerhin war es auch für den Deutschen Buchpreis 2010 nominiert.

Alina Bronsky: „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“, Kiepenheuer & Witsch, 317 Seiten, 18,95 Euro.

Von Juliane Sattler

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