Aus der Vogel-Perspektive

Uraufführung des Stücks „Welcome to Paradise Lost“ beeindruckte im Kasseler Staatstheater

Ihrem Blick bleibt nichts verborgen: Christina Thiessen (links) und Ameli Kriss-Heinrich in dem Stück „Welcome to Paradise Lost“.
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Ihrem Blick bleibt nichts verborgen: Christina Thiessen (links) und Ameli Kriss-Heinrich in dem Stück „Welcome to Paradise Lost“.

Das Staatstheater Kassel darf wieder vor Publikum spielen und beeindruckte mit der Uraufführung von „Welcome to Paradise Lost“ von Falk Richter in der Inszenierung von Gustav Rueb

Kassel – Der Theatersaal ist dunkel. Über Lautsprecher ist das Dröhnen eines Flugzeuges im Sinkflug zu hören – wird immer lauter. Erst als der Lärm unerträglich wird, bricht der Ton abrupt ab – die folgende Stille ist beinahe ebenso laut. In der Uraufführung des Stücks „Welcome to Paradise Lost“ von Falk Richter im Tif des Staatstheaters Kassel, setzt sich das Ensemble kritisch mit dem Thema der Zerstörung der Erde durch den Menschen auseinander. Kein leichter Stoff angesichts der Freude über die Wiedereröffnung des Theaters, aber ein Theatererlebnis, wie es in den letzten Monaten schmerzlich vermisst wurde.

Das Publikum hätte sich an dem Theaterabend kein anderes Stück gewünscht – das zutiefst gesellschaftskritische Werk, vollgepackt mit unbequemen Wahrheiten, gegen kein Stück aus dem Bereich der seichten Unterhaltung eintauschen wollen. Denn das, was in der Inszenierung von Gustav Rueb zu sehen war, hatte eine Sogwirkung, die durch eine große Nähe zum Publikum entstand.

Falk Richters Texte sind nicht nur politisch und gesellschaftskritisch, sondern sie setzen sich auch explizit mit der aktuellen Zeit und mit der Gesellschaft auseinander. Mit seiner Inszenierung des Stücks hat Rueb die Kritik, aber auch das Angebot für einen Ausweg auf Augenhöhe heruntergebrochen. Damit gehen Autor und Regisseur eine kongeniale Partnerschaft ein, in die sich Farid du-Din Attar einreiht. Der persische Dichter aus dem 12. Jahrhundert hat mit seinem Werk „Die Konferenz der Vögel“ die Vorlage geliefert, deren große Aktualität Richter als Folie für sein Stück benutzt hat.

Attar erzählt: Die Vögel beschließen, dass sie einen neuen König brauchen. Sie wollen sich auf den Weg machen, um ihn zu suchen. Immer neue Ausreden verzögern ihre Abreise. Als sie nach langer Zeit mit einer großen Schar aufbrechen, bleiben am Ende von vielen tausend Vögeln nur 30 übrig und sie erkennen, dass sie selbst der gesuchte König sind.

„Welcome to Paradise Lost“ erzählt von dem Flug der Vögel. Hoch in den Lüften haben sie einen Blick auf die Welt. „Was macht ihr da – Warum tut ihr das?“, so die Fragen an die Menschen, angesichts von Umweltzerstörung, Kriegen, Hass und dem unaufhaltsamen Streben nach immer mehr Profit.

Ihrem Blick bleibt nichts verborgen. Weder das Kind, das bei dem Versuch, sich in ein besseres Leben zu retten, im Meer ertrinkt, noch Landschaften, auf denen nichts mehr wächst, außer der blühenden Steueroase. Die Ebenen werden geschickt in einer ausgefeilten Choreografie von Mona Kloos verknüpft, die Sicht der Vögel in die Perspektive des Menschen verwandelt. „Would you help me save the world? – würdest du mir helfen, die Welt zu retten?“, erklingen einzelne Stimmen, um in allgemeinen Ausflüchten unterzugehen.

„Wenn es eine zukunftsgerichtete Vision für die Welt gibt, dann ist sie weiblich“, begründet Rueb seine Entscheidung, das Stück ausschließlich mit Frauen zu besetzten. Meret Engelhardt, Eva-Maria Keller, Amelie Kriss-Heinrich, Christina Thiessen und Christina Weiser überzeugen mit Ausdruck und vielfältigen Emotionen. Die Kostüme stammen von Isabell Heinke.

Die Sprache ist als Textfläche angelegt und entfaltet eine große Dynamik: Kraftvoll und wortgewaltig vermag sie das auszudrücken, was im Dialog kaum sagbar wäre. An dem Punkt, als selbst die Sprache versagt, erklingt der Bach-Chor „Wir setzen uns mit Tränen nieder“. Für die Einübung dieses ergreifenden Stücks konnte die ehemalige Sopranistin des Staatstheaters, Lona Culmer-Schellbach, gewonnen werden.

Die Bühne (Daniel Roskamp) gleicht einer Installation. LED-Panels zeigen Videoarbeiten von Frieder Weiss und lassen sich frei bewegen. Dadurch entstehen beeindruckende Ansichten und neue Blickwinkel.

Kirsten Ammermüller

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