Mit Uraufführung zu Gast in Göttingen: Der britische Komponist Kenneth Hesketh

Pflegt eine langjährige künstlerische Freundschaft mit dem Göttinger Orchesterchef: Komponist Kenneth Hesketh. Foto: privat/nh

Göttingen. Erläuterungen von Komponisten zu ihren Werken mag er gar nicht. Er denke dann immer: „Bitte sag’ mir nicht, wie ich Dein Stück zu hören habe“, sagt der Komponist Kenneth Hesketh (47) beim Gespräch in Göttingen.

Deshalb gibt er auch nur einen knappen Hinweis zur Machart seines Stücks „Inscription-Transformation“ für Violine und Orchester, das am Freitag vom Göttinger Symphonie-Orchester (GSO) unter der Leitung von Christoph-Mathias Mueller mit der amerikanischen Geigerin Janet Sung uraufgeführt wird.

Das einsätzige Werk, „eher eine Sinfonia concertante als ein Violinkozert“, bestehe aus einer Zelle, die sich verändert, verkürzt und verlängert wird - „aber das ist für die Hörer nicht wichtig“, sagt Hesketh. Lieber spricht er darüber, was ihn zum Komponieren motiviert.

DIE MOTIVATION 

Dass komplexe Strukturen die Tendenz haben, sich aufzulösen, beschäftigt Hesketh besonders. Entropie als Synonym für zunehmende Unordnung, oder genauer: für Unkenntnis des atomaren Zustands, ist für ihn nicht nur ein naturwissenschaftliches Phänomen, sondern auch ein menschliches. Auch das Individuum gerät in einen Prozess der Auflösung, der mit dem Tod endet.

Vergänglichkeit und die Frage, was bleibt, sind deshalb seit einiger Zeit wichtige Themen für ihn. Sie sind in seinen drei Meditationen für Blasorchester „In Ictu Oculi“ (Im Wimpernschlag) ebenso präsent wie im neuen Werk „Inscription-Transformation“, das zwei für ihn wichtigen Menschen gewidmet ist: seinem Mentor, dem Komponisten Henri Dutilleux (1916-2103), der vor wenigen Tagen 100 Jahre alt geworden wäre, und seiner Großmutter, Muriel MacMahon.

DIE FREUNDSCHAFT 

Die Solistin: Geigerin Janet Sung Foto: prtivat/nh

Mit Christoph-Mathias Mueller, dem Chefdirigenten des Göttinger Symphonie-Orchesters, verbindet Hesketh eine langjährige Freundschaft. „Er versteht meine Musik besser als jeder andere“, sagt er über den Dirigenten, mit dem er regelmäßig Zusammenarbeit. Ein großes Kompliment von einem, der auch mit Dirigier-Stars wie Sir Simon Rattle eine intensive künstlerische Zusammenarbeit pflegt. Mueller lobt seinerseits die Ausdrucksstärke und Tiefe von Heskeths Musik, die niemals nur theoretisiere. Für die Göttinger Uraufführung seines Auftragswerk hatte sich Hesketh die amerikanische Violinsolistin Janet Sung gewünscht, mit der er mehrfach zusammengearbeitet hat. Sie reist für diese Produktion eigens aus den USA an.

DAS KONZERT 

Das Auftragswerk von Kenneth Hesketh fügt sich perfekt in das heutige GSO-Programm mit dem Motto „Reverenz“ ein. Es spürt Schüler-Verhältnissen und

Der Dirigent: Christoph-Mathias Mueller. Foto: Borggreve/nh

subtilen Verbindungen zwischen Komponisten nach. Für den Auftakt hat Hesketh frühe Klavierstücke von Henri Dutilleux, geschrieben als Pausenmusiken fürs Radio, für Orchester gesetzt. Im zweiten Teil spielt Janet Sung Haydns Violinkonzert Nr. 1, gefolgt von der Symphonie G-Dur von Jean Françaix, „geschrieben im Gedenken an Joseph Haydn“.

LIVERPOOL 

Zu seiner Heimatstadt Liverpool hat Hesketh ein gespaltenes Verhältnis. „Das Orchester dort kannte mich schon als Jungen in kurzen Hosen.“ Doch er habe schon früh den Drang verspürt, dort auszubrechen.

Liverpool habe 2008 als Kulturhauptstadt Europas einen riesigen Schub bekommen. Er sehe mit Sorge, dass die großen Vorteile der europäischen Vernetzung nun durch britische EU-Skeptiker in Frage gestellt würden.

Freitag, 29.1., 19.45 Uhr, Stadthalle Göttingen. Karten an der Abendkasse.

Zur Person: 

Kenneth Hesketh, 1968 in Liverpool geboren, gehört zu den bedeutendsten britischen Komponisten der Gegenwart. Mit dreizehn Jahren schrieb er sein erstes Orchesterstück, das vom Royal Liverpool Philharmonic Orchestra aufgeführt wurde. Er studierte am Royal College of Music in London. In Tanglewood empfing er 1995 wesentliche Impulse vom Komponisten Henri Dutilleux. Hier lernte er auch Christoph-Mathias Mueller kennen. 2007 wurde er für zwei Jahre Composer in Residence in Liverpool.

Heskeths umfangreiches Werk umfasst Musik für Orchester, für unterschiedliche Kammermusikbesetzungen, für Bläserensembles sowie solistische und chorische Vokalmusik. Er arbeitet auch als Arrangeur und instrumentiert Werke anderer Komponisten. Hesketh lebt mit seiner Frau, der Komponistin Arlene Sierra, und dreijährigem Sohn in London. Am Royal College of Music lehrt er Komposition.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.