Umgang mit Rausch 

Uraufführung von "Intervention" in Kassel: Beschwipste Freundinnen als Alkoholpolizei

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Die Droge nistet sich ein: Michaela Klamminger (Annika, von links), Jürgen Wink (Die Droge), Rahel Weiss (Lily), Eva-Maria Keller (Marlene) und Anna-Sophie Fritz (Frans).

Kassel. Rebekka Kricheldorf meditiert in ihrem Drama "Intervention" über den Rausch in der Gesellschaft - Schirin Khodadadian inszeniert auf der Studiobühne des Staatstheaters im Tif.

Der Korken ploppt. Denn während man bespricht, ob die beste Freundin wirklich in die Alkoholsucht abgerutscht ist, kann man sich durchaus schon mal ein Glas Merlot vom Château Beychevelle Saint-Julien eingießen. Problematisch? I wo: „Man soll den Gefährdeten nicht schonen, indem man ihn vom Stoff fernhält.“

Diese kleine Situation zoomt zum Kern der großen Problematik. Wer definiert eigentlich, ob wir zuviel oder aus den falschen Gründen trinken? Welche Stoffe gelten als Droge, welche als Medizin? Und wer legt das fest?

Rebekka Kricheldorf seziert in ihrem Theaterstück „Intervention“ unseren Umgang mit dem Rausch – und geht von einer Durchschnittsfrau aus, Annika, die die alte Schulkameradin Frans und Lieblingstante Marlene ihrer besten Freundin Lily eingeladen hat für eine Intervention. Ziel: Lily konfrontieren mit der geballten Besorgtheit des sozialen Umfelds. Das Staatstheater Kassel zeigt „Intervention“ als Uraufführung, die ausverkaufte zweistündige Premiere am Donnerstag im Tif wurde kräftig beklatscht.

Regisseurin Schirin Khodadadian und Ausstatterin Ulrike Obermüller schaffen maximale Kontraste, wenn sie Annikas Wohnung in einen schmalen hölzernen Guckkasten bauen, langer Holztisch, alles monochrom beige. Davor ein goldener Vorhang, Show-Leuchten, Opulenz: die Bühne für die personifizierte Droge. Jürgen Wink tritt im Pailettenkleid und im Great-Gatsby-Look mit blütenweißem Gehrock auf. It’s showtime: Der Verführer schmeichelt und umgarnt, er rechtfertigt aber auch all das Trinken, Schnupfen und Spritzen in einem Essay des Rausches, einer Historie des Hirn-Wegballerns.

Das ist sprachlich und analytisch ganz oft brillant, auf Kricheldorfschem Top-Niveau, manchmal schimmert aber auch ein Vhs-Duktus durch, wird es recht platt.

In der merlotgrundierten Welt der Frauen hingegen werden Selbstbilder zerbröselt, Motivationen als scheinheilig entlarvt. Annika (Michaela Klamminger als herrlich angestrengte Durchschnitts-Berufstätige) hat ein stabiles Leben und kümmert sich selbstlos um ihre Freundin? Marlene (mit Grandezza: Eva-Maria Keller) ist als Alt-Hippie am Strand von Goa eine selbstgenügsame Aussteigerin? Frans (wunderbar widerborstig: Anna-Sophie Fritz) kann ihr Handeln stets mit ihrer psychischen Krankheit entschuldigen?

Von wegen, höhnt Lily (Rahel Weiss), die in ihrer ehrlichen Zuneigung ebenso wie in ihrer Empörung über die übergriffige Aktion eine Kraft generiert, die die Lebenslügen ringsum freilegt.

Rahel Weiss ist als Lily zum Knuddeln liebenswert und auf dem Weg der aufgezwungenen Selbstreflektion geistig bezwingend klar. Was ist falsch daran, unehrgeizig ein 08/15-Leben führen zu wollen, wenn auch, zugegeben, mit einer ganzen Armada von Cocktails? Warum muss man sich im Beruf unbedingt selbst verwirklichen?

Schon die Anfangsszene, wenn Lily euphorisiert bei Annika eintrifft, vorfreudig auf einen tollen Abend, erstmal begeistert ist über den unerwarteten Besuch der anderen – und dann stimmungsmäßig Stück für Stück abstürzt, wenn sie realisiert, was hier tatsächlich Sache ist – das ist großes Theater.

Immer mehr vermischen sich schließlich die Welten, nistet sich die Droge in der beigen Alltagstristesse ein, stibitzt sich Küsse. Und Lily stellt im Austausch mit der Droge am Ende auf einer Metaebene zurecht fest: „Mir war von der Kontextualisierung schon ganz elend.“

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