Performance gegen das Unrecht im Tif

Uraufführung in Kassel: Theaterprojekt macht Kolonialgeschichte zum Thema

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Performer: Lisa Stepf und Shabani Mugado.

Kassel. Ziel erreicht. Am Ende standen die Zuschauer auf der Bühne des Tif in Kassel und diskutierten. Ein kurzer, aber eindrucks- und ereignisreicher Theaterabend lag hinter ihnen. 

Es war die Uraufführung von „Maji Maji Flava. Postkoloniale Theaterperformance“, entwickelt von Flinn Works, einer Kompanie für moderne Theaterereignisse zur globalisierten Welt. Die aus Kassel stammenden Schwestern Sophia und Lisa Stepf sind die führenden Köpfe, Lisa spielte mit, Sophia führte Regie.

Worum es ging? „Maji Maji“ war ein schnell gewachsener Kult in Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania. Die Anhänger wagten 1905 bis 1907 den Aufstand gegen die Kolonialherren und büßten mit Hunderttausenden von Toten durch ein brutales Regime, das sich als „Glücks- und Kulturbringer“ verstand. „Flava“ ist ein ostafrikanischer Popmusikstil.

Das Stück für die Schauspieler und Musiker Isack Peter Abeneko, Jan S. Beyer, Sabrina Ceesay, Konradin Kunze, Shabani Mugado und Lisa Stepf gibt keine Geschichtsstunde (die gab es bitter-satirisch vorab als Einführung von „Professor Freelance Abeneko“), sondern mischt Tanz, Lesungen abstoßender kolonialer Texte, deutsche Lieder und tansanischen Pop, Satire und Publikumsansprache. Am eindrucksvollsten war eine Tanzprobe, bei der sich der Choreograf Abeneko so brutal aufspielt wie die Kolonialherren damals.

Wichtig war dem Team der heutige Umgang in Tansania und Deutschland mit dem Krieg. Kenntnisse davon in Deutschland: fast Null, in Tansania dagegen weiß jedes Kind um diese Geschichten, die zum nationalen Mythos geworden sind. Am Schluss wurden die Zuschauer gebeten, für die Verbrechen ihrer Vorfahren um Entschuldigung zu bitten. Die Videos davon sollen in Daressalam gezeigt werden. Ernst gemeint? Manche folgten dem Wunsch, andere verdrückten sich.

„Maji Maji Flava“ wird den Zuschauern in Erinnerung bleiben. Die revueartige, halb ernste, halb satirische Abfolge von Szenen ließ Raum für vielerlei Gedanken. Nur selten erhob sich der Zeigefinger - und knickte gleich wieder ein.

Weitere Termine

Das Stück wird vom 13. bis 15. Oktober in Berlin und im Januar 2017 in Daressalam gespielt. Weitere Termine im tif: 6.10., 7.10. (jeweils 11 und 20.15 Uhr), 8.10., 18., 19., 21, 22.10., Karten: 0561-1094-222.

Von Johannes Mundry

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