Eröffnung der Geburtstags-Spielzeit

Junges Göttinger Theater: Urfaust mit Poledance und Kanistern

Bekam sogar Szenenapplaus: Peter Christoph Grünberg als Mephisto in der Urfaust-Neuinszenierung. Foto: Dorothea Heise

Göttingen. Bravo-Rufe und begeisterten Applaus haben Schauspieler und Regieteam im Jungen Theater Göttingen für den „Urfaust“ bekommen.

Vor 60 Jahren hatte das Theater das Fragment von Goethe zur Gründung aufgeführt. Zur Eröffnung der Geburtstags-Spielzeit hat Intendant Nico Dietrich das Drama aus heutiger Sicht betrachtet.

Die Geschichte, im Urfaust wie im Faust, erzählt von dem Gelehrten Faust, der mit Hilfe der Macht des Teufels, Mephisto, sein verlorenes Leben nachholen will. Er verliebt sich in Gretchen und zieht sie ins Verderben: Sie tötet ihre Mutter und das Kind, das aus der Verbindung mit Faust hervorging. Aus dem Kerker lässt sie sich nicht mehr retten.

Wie ein Zuhälter kommt Mephisto mit nacktem Oberkörper unterm Mantel mit Pelzkragen daher. Kein Wunder, dass er für Faust - im Anzug in Konventionen eingebunden - eine unglaubliche Verlockung bedeutet. In einer Gesellschaft voller strikter Regeln verführt er den asketischen Gelehrten, seinen Trieben nachzugeben und die Sanktionen, die dann drohen, zunächst blind außer Acht zu lassen. Für sein Spiel auf allen Registern der Verführung heimst Peter Christoph Grünberg als Mephisto sogar Szenenapplaus ein. Fast schon farblos muss Karsten Zinsers doch sehr facettenreich dargestellter Faust daneben wirken.

Unglaubliches gelingt Katharina Brehl als Gretchen. Vom ahnungslosen, naiven, braven Mädchen verwandelt sie sich in die leidenschaftliche Frau, die Faust komplett in ihren Bann schlägt. Doch sie bleibt ihrem Glauben verhaftet. Dieser Zwiespalt treibt sie bis zum Verzweiflungs-Mord. Mit jeder Faser ihres Körpers ist ihr Gretchen im Kerker dem Wahnsinn verhaftet.

Mit dem Bühnenbild hat Susanne Ruppert das Stück in eine Zeit gezogen, in der sich die Menschen im Abfall der Konsumgesellschaft einrichten müssen. Nur ein riesiges Kreuz, mal beleuchtet, mal nackt, zeugt von den Resten ihres Glaubens. Meist steht es in einem Berg von Kanistern, mal dominiert es die sonst leere Bühne. Im Gespräch über die „gefallene“ Bärbel nutzen Lieschen und Gretchen die Plastikkanister - vielleicht um sauberes Trinkwasser zu holen? Auch Gretchens Bett ist gebaut aus den Kanistern, wahrlich beschirmt wird sie mit Plastikfolie als „Himmel“.

Auf der manchmal kahlen Bühne werden die Figuren ganz auf sich zurückgeworfen. An dem metallisch glänzenden Vorhang - mal als Projektionsfläche, dann zur Trennung von Vorbühne und Bühne im Einsatz - können die Schauspieler selbst Hand anlegen. In der Walpurgisnacht dient der Vorhang als Schleier. Nur hier und da erhascht der Zuschauer einen Blick auf das Treiben, in dem das Kreuz mitten auf der Bühne zum Stab für lasziven Poledance wird.

Es ist ein dichter, ein starker Abend. Nach knapp zwei Stunden ohne Pause ist das Drama zu Ende, so entwickelt sich ein starker Sog in die Geschichte. Vielleicht stellt sich bei manchem das Gefühl ein, das Drama tatsächlich mitzuerleben.

Ein großer Wurf, den Nico Dietrich mit der Neuinszenierung des „Urfaust“ gewagt hat. Mit seinem Team hat er die Herausforderung gewonnen.

Weitere Vorstellungen am 12.9., 22.9. und 30.9. jeweils um 20 Uhr. www.junges-theater.de Kartentelefon: 0551/495015.

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