Urheberrechts-Debatte: Künstler streiten mit Piraten

Kein Bild und kein Ton: Viele Musiktitel sind auf der Video-Plattform YouTube nicht erreichbar, weil die Google-Tochter und die Verwertungsgesellschaft Gema um die Vergütung streiten. Fotos: dpa/nh

Als die Kasseler Musikerin Ira Atari ihren Kollegen Sven Regener im Radio hörte, hatte sie zum ersten Mal das Gefühl, dass ihr beim Thema Urheberrecht jemand aus dem Herzen spricht.

Der Sänger der Band Element of Crime und Bestseller-Autor wurde in der Radiosendung „Zündfunk“ des Bayerischen Rundfunks um ein Statement zum Rechtsstreit zwischen der Video-Plattform YouTube und der Verwertungsgesellschaft Gema gebeten. Doch dann hielt Regener eine Minuten lange Wutrede.

„Eine Gesellschaft, die so mit ihren Künstlern umgeht, ist nichts wert.“

„Das Rumgetrampele“, dass Musiker wie er uncool seien, weil sie von ihren Werken leben wollen, sei nichts anderes, „als dass man uns ins Gesicht pinkelt“. Während die Google-Tochter YouTube mit Liedern, die jemand ins Netz lädt, über Werbung Millionen mache, seien er und seine Kollegen „nur die Penner in der letzten Reihe“. Die studierte Pianistin Ira Atari, die eigentlich Ira Göbel heißt und versucht, von ihrem feinen Elektropop zu leben, fand die Wutrede richtig gut.

Vier Wochen später freuen sich Musiker wie Regener und Atari über ein Urteil des Landgerichts Hamburg, nach dem YouTube sieben Musiktitel aus seinem Angebot entfernen muss. Das US-Unternehmen und die Gema, die Geld an die Künstler ausschüttet, werden nun wohl erneut über die Höhe der Vergütung verhandeln. Google waren 0,6 Cent pro Stream und eine pauschale Beteiligung von 10,25 Prozent an den Werbeerlösen bislang zu viel.

Das grundsätzliche Problem, das Urheberrecht ins digitale Zeitalter hinüberzuretten, bleibt jedoch bestehen. Selten gab es unter Kreativen eine so hitzige Debatte wie in den vergangenen Wochen. Die Anhänger der Piratenpartei, die die Legalisierung von Musiktauschbörsen fordern, überzogen Regener mit Wut und Häme. Auf der anderen Seite kritisierten Musiker und Schriftsteller die von den Piraten propagierte Umsonstkultur.

51 „Tatort“-Autoren beschimpften die Netzgemeinde. Das „Handelsblatt“ versammelte 100 Prominente wie den Künstler Markus Lüpertz, die Schauspielerin Franka Potente und die Autorin Julia Franck zu einer Aktion gegen das „Enteignungsprogramm“. Und im „Spiegel“ beschrieb der Rapper Jan Delay die Erfolgsformel der Piraten so, als sage jemand: „Ey, wir sind hier eine Partei, und es gibt Schokolade für alle umsonst. Und ein paar Nichtwähler sagen: Geil, Schokolade umsonst, das ist doch mal Politik.“

Ira Atari klagt, dass „der Respekt verloren gegangen ist vor dem, was wir schaffen“. Das haben mittlerweile auch die Piraten gemerkt und eine seitenlange Erklärung auf ihre Webseite gestellt, in der sie mit zehn Mythen rund um ihre Politik aufräumen. Das Urheberrecht soll demnach nicht abgeschafft, aber die Macht der Verwertungsgesellschaften beschnitten werden.

Ohne die würde es für Ira Atari noch schwieriger zu überleben. CD-Verkäufe und Downloads machen nur 5 Prozent ihrer Einkünfte aus. 80 Prozent verdient sie durch Konzerte. Die restlichen 15 Prozent kommen von der Gema. „Das ist sehr wichtig für mich“, sagt die 34-Jährige, die gerade von Zierenberg (Kreis Kassel) nach Berlin gezogen ist.

Sie weiß, dass man Tauschbörsen, die ohne zentrale Server auskommen, nicht einfach abschalten kann. Dazu müsste man praktisch das Internet abschaffen. Aber wer will das schon? Wenn man Ira Atari fragt, ob sie sich manchmal wünscht, vor 25 Jahren Musikerin gewesen zu sein, sagt sie: „Nein, ohne das Internet hätte mich niemand in Zierenberg entdeckt.“

Von Matthias Lohr

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