Lot Vekemans Kammerspiel „Gift“ in Kassel

Ein Dialog, der alte Wunden aufreißt. Enrique Keil und Christina Weiser spielen ein ehemaliges Paar, das sich am Grab des gemeinsamen Sohnes Rechenschaft ablegt. Foto: Klinger

Kassel. Wege aus der Trauer: Nach dem psychologisch äußerst dichten Stück „Waisen“ von Dennis Kelly Anfang Oktober fesselte Freitagabend „Gift“ von Lot Vekemans das Premierenpublikum.

Nur eine namenlose Frau und einen namenlosen Mann braucht die niederländische Autorin, um Blicke in seelische Abgründe zu öffnen. Vor neun Jahren haben sie sich getrennt, nachdem ihr Sohn bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Auf dem Friedhof treffen sie sich erstmals wieder. Die Frau hat einen Brief der Friedhofsverwaltung gefälscht, um den Ex-Mann herzulocken, ein getarnter Hilferuf.

Es entwickelt sich ein Dialog, der erst einmal alte Wunden aufreißt. Sie hat sich in ihrer Trauer eingerichtet, er führt ein neues Leben in Frankreich. „Mein Gott, bist du bitter!“, wirft er ihr an den Kopf, und sie kann nicht verstehen, wie er einen Roman aus ihrer gescheiterten Geschichte macht. Doch sie will sich selbst entkommen: „Ich will es nicht mehr!“ Im Sprechen und Aussprechen von Gedanken nähern sich beide an - eine zarte Berührung der Hände markiert einen Wendepunkt.

Natürlich gibt es kein Zurück, es ist ja kein Musical. Doch am Ende gehen die beiden anders auseinander, als sie gekommen sind. Er kehrt zurück zu seiner schwangeren Frau in die Normandie, und sie nimmt sich vor, einen Apfelkuchen zu backen.

Eigentlich braucht man für dieses Stück nur zwei Stühle und etwas Licht. So tat Susanne Maier-Staufen gut daran, ein dezentes Bühnenbild zu schaffen. Aus den großen Fenstern der Friedhofshalle fällt der Blick hinaus auf eingewachsene Gräber. Und Regisseur Maik Priebe ließ seinen beiden Schauspielern viel Freiheit.

Das ungleiche Paar wurde von Christina Weiser und Enrique Keil gespielt. Wie großartig, dass es die Macht des Wortes auf der Bühne noch in solcher Reinheit gibt! Nichts wirkte gekünstelt oder übertrieben. Christina Weiser kann mit einem Wimpernschlag von kokettem Mädchen auf resignierte 50-Jährige umschalten, und Enrique Keil ist ihr der ideale Partner, weil es ihm auf überaus natürliche Weise gelingt, die Verhärtung ein Stück weit zu lösen. Ein berührender Abend.

Wieder am 18. und 26.12., Karten: Tel. 0561-1094-222.

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