Das Berliner Pergamonmuseum präsentiert die Götter aus dem Palast von Tell Halaf

Die Venus lächelt wieder

Bruchstückhaftes Lächeln: Grabfigur, aus über 1000 Bruchstücken wieder zusammengesetzt. Foto: Teßner/nh

Berlin. Im vergangenen Jahr musste es zurückstecken. 1,1 Millionen Besucher strömten ins Neue Museum zu Nofretete, „nur“ eine Million ins angrenzende Pergamonmuseum. Bis zur Eröffnung des Neuen Museums 2009 lag der Pergamonaltar in der Besuchergunst immer vorne. Da trifft es sich gut, dass eine spektakuläre Ausstellung die Aufmerksamkeit wieder umlenkt – auf „Die geretteten Götter aus dem Palast Tell Halaf“.

Es ist weit mehr als eine archäologische Schau. Die Rückkehr der 3000 Jahre alten Monumentalskulpturen birgt die Geschichte einer atemberaubenden Rekonstruktion. Denn im Zweiten Weltkrieg war das Privatmuseum, das ihr Entdecker, Max von Oppenheim, 1930 in Charlottenburg hatte einrichten lassen, von Bomben zerstört worden.

Die Trümmer wurden Anfang der 90er, nun im Keller des Pergamonmuseums, ein zweites Mal ausgegraben. In akribischer Kleinarbeit setzte man aus 27 000 Einzelteilen 40 Figuren zusammen. Die Klebe-Spuren sind noch lesbar. Die Tierreliefs weisen Lücken auf, an den meterhohen Figuren sind Fehlstellen. Doch sehen sie prächtig aus, die Löwen, der Skorpionvogelmensch oder die lächelnde Göttin, wie Boten einer fernen Macht.

Oppenheims Lieblingsstück, die thronende Göttin, die der Archäologe liebevoll „meine schöne Venus“ nannte, hat das Potenzial zur Nofretete-Konkurrentin. Auch wenn ihr Teint nicht makellos erscheint und ihr Gesicht breit, so geht ein Geheimnis von „der Frau mit dem Lächeln der Vergangenheit“ aus. 1899 entdeckte der Kölner Bankierssohn und Privatgelehrte die ersten Basaltfiguren bei Ausgrabungen im Norden Syriens. Mit Hilfe von Hunderten Beduinen förderte Oppenheim Tierkolosse, Götterstatuen und verschleierte Sphingen zutage. Der Wettergott Teschup, seine Gemahlin Hepat und die bezopfte Sitzfigur der Venus beschwören eindrucksvoll die untergegangene Kultur der Aramäer.

Im Nationalmuseum von Aleppo verblieb der syrische Fundanteil, von dem Leihgaben stammen, während Oppenheim mit 13 Eisenbahnwaggons voller Fundstücke 1927 nach Berlin reisen konnte. Bis heute wird auf dem Tell Halaf nach Schätzen gesucht. Dank des erfolgreichen Restaurierungsprojekts in Berlin wurde Lutz Martin vom Vorderasiatischen Museum die Grabung genehmigt, die er seit 2006 mit Abd al-Masih von der Syrischen Antikenverwaltung vornimmt.

Inzwischen ist man vor allem an der Erforschung der Siedlungsgeschichte interessiert. Doch auch eine große Sitzfigur aus assyrischer Zeit und aramäische Schriftdokumente, Schmuck und Keramik wurden jüngst entdeckt.

Die Tempel-Welt der Aramäer war das Lebenswerk Oppenheims. Als es 1943 in Scherben lag, schleppte er die Reste aus den Trümmern. Kurz vor seinem Tod 1946 meinte der 86-Jährige: „Am Tell Halaf verzweifle ich nicht. Die Stücke werden – Inschallah – eines Tages neu zusammengesetzt und in einem Museum ausgestellt werden.“ Ein Optimist mit hellseherischen Fähigkeiten.

Bis 14. 8., Pergamonmuseum, Am Kupfergraben 5. Mo-So 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr. Tel.: 030 / 26 64 24 242, www.gerettete-goetter.de

Von Andrea Hilgenstock

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