Die Auftakt-Inszenierung der Hersfelder Opernfestspiele, Verdis „Rigoletto“, stellt ganz auf den Titelhelden ab

Verbittert, verblendet, verflucht

Vater-Tochter-Drama: Martin Kronthaler (Rigoletto) und Sujin Lee (Gilda) sind die herausragenden Akteure in der Hersfelder Stiftsruine. Foto: Hartmann

Bad Hersfeld. Immer in Gesellschaft - und doch der einsamste Mensch. So fühlt sich der bucklige Hofnarr Rigoletto in Giuseppe Verdis gleichnamiger Oper. Mit ihr wurden in der Bad Hersfelder Stifstsruine am Mittwoch die Opernfestspiele eröffnet. Und Regisseur Hugo Wieg stellte diese Konstellation am Beginn seiner Inszenierung demonstrativ heraus.

Es wird ein Fest gefeiert am Hof zu Mantua, und auf der riesigen Bühne dreht sich die Gesellschaft im Tanz: die Tänzerinnen der Ballettschule Meckbach, der Kinderchor, die Mitglieder der Konzertchöre aus Frankfurt und Marbug sowie des Polnischen Bachchores, dazu die Solisten, allesamt Höflinge.

Inmitten des Trubels auf der riesigen Bühnenfläche verspottet Rigoletto den Grafen von Monterrone, der den leichtlebigen Herzog von Mantua der Verführung seiner Tochter beschuldigt. Beginnt das Unglück wirklich erst da, als Monterrone, dem Yeon-ho Jeong eherne Bassgewalt verleiht, Rigoletto verflucht? Eher beleuchtet er blitzartig das falsche, verblendete Leben des verbitterten Narren, der ebenfalls eine Tochter hat und diese, Gilda, in seinem Haus gefangen hält.

Doch nun, nach diesem Fluch, nimmt das Verhängnis seinen Lauf, und Regisseur Weig nutzt den Bühnenraum geschickt, um das Geschehen immer wieder zu verlagern: An die Seiten in Rigolettos Haus und die Spelunke des Mörders Sparafucile, und dann immer wieder ins Zentrum, wenn sich das Vater-Tochter-Drama zuspitzt bis zum dramatischen Schluss, als Gilda in Männerkleidern, sich opfernd, jenem Mörder entgegentritt, der auf ihren Geliebten, den Herzog von Mantua, wartet.

Dessen Tenorpartie mit der berühmten Arie „O wie so trügerisch“ hatte kurzfristig der Mexikaner Omar G. Garrido für den erkrankten Yuriy Svatenko übernommen. Doch mehr, als dass er damit die Premiere gerettet hat, verbietet sich über ihn zu sagen.

So rückte sängerisch die Vater-Tochter-Beziehung ganz in den Vordergrund. Martin Kronthaler überzeugte als Rigoletto mit dominanter Bühnenpräsenz und einer Baritonstimme, in die er Wut und Zärtlichkeit, Spott und jähes Entsetzen legen kann. Sujin Lee ließ die Gilda mit kraftvoller, fokussierter Stimme und blitzsauberen Koloraturen als starke Frau erscheinen, allerdings mit Schwächen bei der Textverständlichkeit in dieser auf Deutsch gesungenen Fassung.

Musikalische Höhepunkte in der gestrafften Zwei-Stunden-Version der Oper waren die beiden großen Vater-Tochter-Duette, besonders anrührend die Schlusszene im Halbdunkel mit der sterbenden Gilda. Durchwachsen war die sängerische Qualität der übrigen Solisten, unter denen Christoph Heinrich als Mörder Sparafucile mit starkem, allerdings auch etwas grobem Bass herausragte.

Der Autor Eckhard Henscheid bescheinigte Verdi einmal eine „Ästhetik der Gemütlichkeit“. Unter der Leitung des Hallenser Dirigenten Michael Stolle erinnerte das Orchester, die Virtuosi Brunensis, mit nur ausnahmsweise dramatisch gespanntem Musizieren an diese Einschätzung.

Der Beifall in der fast ausverkauften Stiftsruine fiel für Martin Kronthaler und für Sujin Lee besonders herzlich aus.

Von Werner Fritsch

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