Die Neue Galerie in Kassel stellt Lehmbruck-Skulpturen dem Beuys-Raum gegenüber

Verblüffend verwandt

Im Beuys-Vorraum: Die Lehmbruck-Skulptur „Kopf eines Denkers“ (1917/18). Foto: Koch

Kassel. Diese Fläche bereitete der Leiterin der Neuen Galerie in Kassel, Marianne Heinz, lange Kopfzerbrechen. Was sollte im Eingangsbereich zum von Joseph Beuys persönlich eingerichteten Raum im Erdgeschoss mit dem berühmten „Rudel“ gezeigt werden? Dieser Vorraum ist durch die Verlagerung des Treppenhauses neu geschaffen worden. Was würde Beuys nach der Wiedereröffnung der Neuen Galerie standhalten?

Heinz entschied sich für Wilhelm Lehmbruck. Denn der Vorraum sollte etwas beinhalten, das bei der Rückkehr der Beuys-Exponate in unmittelbarem Bezug zu dessen Werk steht. Beuys hatte diesen Dialog in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Wilhelm-Lehmbruck-Preises 1986 selbst hergestellt – der Redetext liegt klugerweise auch aus.

Neben je fünf Zeichnungen aus dem Lehmbruck-Museum Duisburg und Museum Schloss Moyland, die eine verblüffende Ähnlichkeit auszeichnet, sind vier wunderbare Skulpturen in Kassel zu Gast: die Bronze „Geneigter Frauenkopf“ aus Wuppertal, ein „Kleiner weiblicher Torso“ aus Mannheim (1910/11) sowie zwei Steingüsse aus der Hamburger Kunsthalle: „Mutter und Kind“ und „Kopf eines Denkers“ (1917/18).

Beuys betrachtete Lehmbruck als Lehrer, dem er zu Dank verpflichtet war: Er habe sich „auf Grund von Wilhelm Lehmbruck entscheiden können, mich mit der Plastik zu befassen“. Er sieht Lehmbruck als „Kulminationspunkt“, als „allerhöchsten Gipfel der Entwicklung der Plastik in der Moderne“. Als Gemeinsames betrachtet Beuys ein plastisches Gestalten, „das nicht nur physisches Material ergreift, sondern auch seelisches Material ergreifen kann“. Von dieser Erkenntnis wurde Beuys zu seiner „Idee der sozialen Plastik regelrecht getrieben“.

Den Raumbegriff erweitert er um den „Zeit- und Wärmebegriff“, die Plastik ist für ihn „Begriff der Zukunft schlechthin“. Beuys richtet auf der documenta 5 in Kassel ein Informationsbüro der Organisation für direkte Demokratie ein, er engagiert sich für die Grünen und für eine unabhängige Free International University. Das plastische Prinzip dient für Beuys nun „zur Umgestaltung des sozialen Ganzen“.

Schöne Aussicht 1, Di - So 10 - 17, Do 10 - 18 Uhr, www.museum-kassel.de

Von Mark-Christian von Busse

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