Verführt mit Himbeercreme: Die Oper „Samson et Dalila“ in Kassel

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Betörende Gesänge: Johannes An (Samson) und Ulrike Schneider (Dalila).

Kassel. Wohlklang steht über allem in der Oper „Samson et Dalila“ von Camille Saint-Saëns. Und wenn es einmal wirklich hässlich wird, wenn also der hebräische Held Samson geschoren und geblendet wird, nachdem er das Geheimnis seiner Kraft - seine langen Haare - der Philisterin Dalila preisgegeben hat, dann wird diese grausame Szene im Stück diskret übergangen.

Am Kasseler Staatstheater hatte Saint-Saëns’ 1877 in Weimar uraufgeführte Oper jetzt ganz ohne szenische Darstellung Premiere - als konzertante Aufführung. Das scheint zunächst naheliegend, da der Komponist selbst seine Oper als religiöses Oratorium konzipiert hatte, ehe er sich zu einer Bühnenfassung überreden ließ.

Die Rückübersetzung erwies sich jedoch als keine glückliche Lösung. Denn der Musik fehlt es an dramatischer Kraft, sie gibt der Handlung keine Entsprechung. Sie erzeugt daher auch keinen inneren Film, sondern beschränkt sich darauf, Seelenzustände und erhabene Gefühle zu malen.

Dies allerdings mit beträchtlicher Virtuosität. Saint-Saëns malt die Orchesterfarben mit feinem Pinsel. Schon das allmähliche Entstehen des ersten Moll-Akkords im Vorspiel durch die verschiedenen Instrumentengruppen hindurch gibt davon einen Eindruck. Die Musik richtet ihr Hauptaugenmerk auf die Illustrierung des zentralen Themas der Oper: Verführung.

Dalila, die Verführerin (und einzige Frauenfigur), ist das Zentrum der Oper. Ihr Erscheinen, vom sinnlichen Frühlingsgesang in Erwartung Samsons bis zur Verhöhnung des Betrogenen, ihr betörender Gesang verleiht dem gesamten Werk seinen Klang, man könnte auch sagen, seinen Duft,

Ulrike Schneider erweist sich als Glücksfall für diese Partie. Ihre warme, dabei klar konturierte Mezzostimme, ihre fein nuancierten Gesangslinien sind ein Highlight des Kasseler Opernabends - und Erich Korngolds Charakterisierung von Dalilas zentraler Szene mit Samson „Mon coeur s’ouvre à ta voix“ (Mein Herz öffnet sich) als „feinste Himbeercreme in Des-Dur“ ist auch hier keineswegs zu hoch gegriffen.

Zumal Ulrike Schneider mit Johannes An ein Samson von eindrucksvoller Tenor-Strahlkraft und hoher sängerischer Intensität zur Seite steht. Merkwürdig nur: Trotz des schrecklichen Geschehens überschreitet der Gesang des Paares und selbst des Oberpriesters, dem Espen Fegran wunderbar dunkel-metallische Farben verleiht, selbst in den Hohn- und Spottszenen nie den Bereich wohlästhetischer Gefühlssäußerungen. Diese Eindimensionalität aufzulösen, wäre Aufgabe einer Inszenierung gewesen.

Immerhin tut Yoel Gamzou, Kassels erster Kapellmeister, alles, um rhythmische Schärfen herauszuarbeiten, Orchesterfarben zum Leuchten zu bringen und die statischen Volks-chorszenen zu beleben - wobei Opern- und Extrachor sich als klangstark und flexibel erweisen. Doch selbst das orientalisch gefärbte Bacchanale, die heidnische Feierszene, bevor Samson am Ende den Heidentempel ein- und alle in den Tod reißt, kippt zwischendurch um in Operettenseligkeit.

Warmer Beifall für die Sänger, den Dirigenten sowie Chor und Orchester im zu drei Vierteln besetzten Opernhaus.

Wieder am 19. und 26.10., Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

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