Verführung wird zu Verachtung

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Nachdenklicher Moment: Alina Rank (Julie) und Peter Elter (Jean).

Kassel. Dunkel, schwebend und erotisch: Strindbergs "Fräulein Julie" am Kasseler Staatstheater zeigt den schmalen Grad zwischen Verführung und Verachtung. Bei der Premiere gab es viel Haut zu sehen.

„Ich schlafe bereits.“ Traumverloren haucht Kristin ins Mikrofon Worte von Tod, Sterben, Herabfallen und dem Gefühl, von Nebel umwabert zu sein. Sie trägt Lederrock, hohe Absätze und eine schwarze Pixiecut-Perücke zur Gouvernantenbluse. Lasziv lässt sie die Hüften vibrieren, scheint das lustvolle Flüstern direkt aus ihrem Becken zu holen. In ihrem Anfangsmonolog legt Anke Stedingk als Kristin am vorderen Bühnenrand den Stimmungsrahmen für den Theaterabend fest. Dunkel, schwebend, erotisch.

Hinter ihr begrenzen silbrige Glitzergirlanden wie ein Vorhang das Bühnenrechteck mit dem schwarzen Folienboden. Im Hintergrund eine graue Wand im Schieferlook, auf die das Schwarz-Weiß-Bild einer Kamera projiziert wird. Die ist hinter der Wand an einem Schminktisch postiert und gewährt den Blick ins Verborgene. Überall also dunkle Flächen, die das Licht gerade so reflektieren, dass ein Eindruck von Verflüssigung, Auflösung entsteht. Später regnet es noch auf die Folie, dann scheint das Schwarz vollends zu zerfließen (Bühne und Kostüme: Daniel Roskamp).

Marco Storman inszeniert für das Kasseler Staatstheater auf der Bühne des tif August Strindbergs Beziehungsstudie „Fräulein Julie“. Die ausverkaufte Premiere wurde am Samstag mit viel Jubel für die drei Darsteller und das Regieteam aufgenommen.

Gutsbesitzertochter Julie verführt in der Mittsommernacht Hausdiener Jean, der eigentlich mit Köchin Kristin verbandelt ist. Wechselt in Strindbergs 1888 entstandenem Trauerspiel die Stimmung von kalkuliert-verführerisch zu verzweifelt liebend, geht Storman den entgegengesetzten Weg. Im ersten Teil wächst pure Verliebtheit, wenn sich Julie (Alina Rank) im Lolitalook mit weißem Bubikragen und Jean (Peter Elter) halbnackt beim Bier umgarnen, bis sich die Anziehungskraft in einem Kuss entlädt. Der Girlandenvorhang beeinträchtigt hier allerdings Sicht und Erlebnisintensität.

Dann der Wechsel zum vielschichtigeren zweiten Teil, bei dem Verführung in Geringschätzung und Liebesgeplänkel in Kalkül umschlagen. Ein Handlungsfortgang steht hier nicht im Vordergrund. Hinten am Schminktisch spricht Kristin, die wie eine Erzählerfigur durch die Szenen wandert, Sätze aus Jean-Luc Godards Filmklassiker „Die Verachtung“. In dem führt gerade seine Liebe zu ihrer Verachtung: „Liebst du meine Knie?“ „Ich liebe deine Knie sehr.“ Peter Elter kauert vorn in weißer Unterhose - sein Jean ist sich nun seiner maskulinen Aura sehr bewusst. Vorhin war er mehr der aufgeregte Partyboy.

Alina Rank setzt sich dann hinten am Schminktisch die Perücke mit der blonden Mähne auf, verändert die Stimmlage - und das letzte Stückdrittel gehört ihrer Julie in einer phänomenalen Performance. In der Girlie-Mischung aus rotzig und naiv wirkt sie ein bisschen wie Daniela Katzenberger. In BH und Miederhose schlängelt sie sich komplett in einen riesigen Vogelkäfig hinein, durch die Stäbe hindurch macht sie Kristin herablassende Ansagen und zeigt Jean ihr Haustier, ein Singvögelchen. Unbedingt soll er es begrüßen, unbedingt. Wie eine dieser Frauen, die zu lang mit den Stofftieren aus ihrer Kindheit leben. Mädchenhaft und zugleich nervensägig.

Am Ende ist sie es, die vorn am Mikro steht, ihr Schlussmonolog ist der, den Kristin anfangs vorweggenommen hatte. „Ich schlafe bereits.“  

Wieder am 13.3., 25.4., Karten: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke 

 

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