John Irvings neuer Roman „In einer Person“ handelt von Theater, Romanen und dem Spiel mit Identität

In Verkleidung das Ich finden

Unklare Geschlechtergrenzen: Ein Mann macht sich mit Kleidung und Frisur als Frau zurecht. Foto:  dpa

Der junge Soldat will nicht einmal auf der Schiffslatrine aufhören zu lesen. So kann er sich auf dem Kriegsfrachter nicht am Donnerbalken festklammern und rutscht mit dem nackten Hintern über die ganze Reihe Kloschüsseln zum Soldaten am anderen Ende der Löcher. Eine Begegnung der folgenreichen Art. Nur das Buch landet im Meer - Madame Bovary.

Eine spektakuläre Geschichte. Aber wer hat sie erzählt? Warum steckt sie im Kopf des kleinen William? Dieses Rätsel kann der Ich-Erzähler im neuen Roman von John Irving, „In einer Person“, zunächst nicht aufklären.

Wie formen Geschichten unser Leben? Welche Rolle spielt Sprache dabei? Wie können wir mit Identitäten spielen? Der amerikanische Autor bearbeitet diese Fragen mit gewohnter Hintergründigkeit und viel Witz. William wächst im abgelegenen Holzfäller-Nest First Sister im waldreichen Bundesstaat Vermont auf - und sein Leben besteht in den ersten Jahren vor allem aus Theater. Sein Großvater ist der Star der örtlichen Laienspielgruppe, neben der Leitung des Sägewerks ist dessen Leidenschaft die Bühne. Fast immer in Frauenkleidern und mit Gummi-Brüsten.

Sprache, Romane, Theater, Verkleidung: Irving zeigt, wie all das tief in ein Leben hineinwirkt. So sind Williams erste Besuche in der Stadtbücherei in mehrfacher Hinsicht nachhaltig: Er erkennt, dass er Schriftsteller werden will - und, noch dringlicher, dass er sich Sex mit der Bibliothekarin wünscht.

Aus der Rückschau und im Plauderton („Ich greife vor“) berichtet William von Schwärmereien an der Schule, von Ausbildung, Wanderjahren, dem turbulenten Liebes- und Sexleben zwischen Schwulenbars, Transsexuellen und dem erotischem Herantasten an die Highschoolfreundin.

William will sich nicht in eine Schublade stecken lassen. Er ist bisexuell, und Kenner der Irvingschen Werke ahnen, dass der Sex mit der Bibliothekarin zwar geschehen, aber einige biologische Überraschungen bereithalten wird. Wer ist schon, was er vorgibt zu sein?

Nachteil des wie immer lässig und anspielungsreich erzählten 722-Seiters ist jedoch die zunehmende Engführung der Themen. Williams sexuelle Offenheit mündet in einen moralischen Appell an die Toleranz. Die spielerische Finesse der ersten Buchhälfte mit ihren Bezügen zum Verkleiden und Lesen geht etwas verloren in ausufernden Beschreibungen des Aids-Tods der schwulen Freunde und des pädagogischen Anspruchs von Autor wie Hauptfigur. William landet schließlich in seinem Heimatort, wo er selbst Theaterstücke inszeniert.

Als älterer Mann löst William endlich das Rätsel der Soldaten auf der Schiffslatrine. Der eine nennt sich in Erinnerung an das schicksalsträchtige Buch Monsieur Bovary, und Frauenkleider spielen in seinem Leben keine unbedeutende Rolle. So fügt Irving seine Motive zusammen: „Romane sind doch nur eine andere Art, sich zu verkleiden.“

John Irving: In einer Person, Diogenes, 772 S., 24,90 Euro, Wertung: !!!!:

Von Bettina Fraschke

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